Fußball

Müller-Wohlfahrt: «Sie wollten mich zerstören»

FC-Bayern-Arzt, Wunderheiler, Mythos: Eine Doku enthüllt, was hinter Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrts Legende steckt.

20.10.2026, 06:04 Uhr

Doku über Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt: Der Mediziner der Spitzensportler

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt gilt seit Jahrzehnten als feste Größe in der Sportmedizin. Prominente Athleten und Persönlichkeiten wie Usain Bolt oder Veronica Ferres setzen auf die Erfahrung des Orthopäden. Der Sender Sky widmet dem 84-Jährigen nun die Dokumentation „Müller-Wohlfahrt – Der Arzt der Champions“, die sowohl seinen Berufsalltag als auch private Seiten beleuchtet.

Schon die Begrüßung in seiner Münchner Praxis ist ungewöhnlich: Sein markanter Handschlag habe sich, wie er erzählt, über viele Jahre entwickelt. Vor allem bei älteren Patienten habe er seine Art des Grußes immer wieder angepasst, bis daraus seine heute bekannte Begrüßung entstanden sei.

Im Alltag werde er häufig gleich doppelt angesprochen, sagt Müller-Wohlfahrt mit Humor: Einerseits staunten viele darüber, wie fit und vital er mit 84 Jahren wirke. Andererseits nutzten viele Begegnungen sofort für medizinische Fragen oder kleine Beschwerden. Für ihn sei das oft amüsant, für seine Frau allerdings mitunter weniger.

Der Wechsel zu Bayern brachte Spannungen in der Familie

Besonders offen spricht Müller-Wohlfahrt über seinen Schritt zum FC Bayern im Jahr 1976. Seiner Frau habe er von dem Angebot zunächst nichts erzählt. Damals sei sie in Berlin als Kostümbildnerin erfolgreich gewesen, später arbeitete sie als Malerin und Bildhauerin. Den Vertrag mit Bayern habe er rasch per Handschlag abgeschlossen und erst anschließend zu Hause gestanden, dass er nach München wechseln wolle.

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt
Sein Fitness-Geheimnis? Immer in Bewegung bleiben. (Archivbild) Quelle: Lukas Barth-Tuttas/dpa

Rückblickend beschreibt er diese Phase als schwierig. Seine Frau sei in München zunächst isoliert gewesen, habe kaum Kontakte gehabt, sei hochschwanger gewesen und habe zugleich noch Prüfungen in Berlin absolvieren müssen, während er stark in der Praxis eingebunden gewesen sei.

Trotzdem habe sie ihm seinen Weg nie dauerhaft vorgeworfen. Sie habe erkannt, dass seine Berufung in der Sportmedizin liege. Nach seiner Darstellung wusste sie, dass sie ihm mit einem erzwungenen Rückzug aus dem Beruf einen wesentlichen Teil seiner Persönlichkeit genommen hätte.

Auf dem Spielfeld immer im Sprint

Auch seine legendären Läufe zu verletzten Spielern auf den Rasen erklärt Müller-Wohlfahrt mit seiner sportlichen Vergangenheit. In jungen Jahren war er Leichtathlet und im Mehrkampf sehr erfolgreich. Für ihn sei daher klar gewesen: Wenn ein Spieler Schmerzen habe, dürfe man nicht langsam hinaustrotten. Sein Grundsatz lautete stets, so schnell wie möglich beim Verletzten zu sein.

Pionier mit umstrittenen Methoden

Müller-Wohlfahrt schildert sich selbst als Wegbereiter einer Sportorthopädie, die es in dieser Form zu Beginn seiner Laufbahn noch nicht gegeben habe. Nach seiner Ansicht habe die klassische Medizin gerade bei Muskelverletzungen deutliche Grenzen gezeigt. In der Ausbildung werde vieles über Operationen vermittelt, aber wenig über Funktionstests, Tastdiagnostik oder die differenzierte Beurteilung von Muskelproblemen.

Aus dieser Lücke heraus habe er eigene Behandlungskonzepte entwickelt – für Muskeln, Sehnen und die Wirbelsäule. Entscheidend sei für ihn immer gewesen, ob eine Therapie beim Patienten tatsächlich wirke. Positive Erfahrungen habe er weiterentwickelt, Erfolgloses dagegen verworfen. So sei seine Medizin vor allem aus praktischer Erfahrung entstanden.

Diese Herangehensweise brachte ihm Bewunderung, aber auch massiven Widerstand ein. Selbst der spätere Bayern-Trainer Jupp Heynckes habe seine spektakulären Heilungserfolge zunächst für unglaubwürdig gehalten. Erst mit konkreten Diagnosen und seinem Fachwissen habe er Skeptiker nach und nach überzeugen können.

Scharfe Kritik aus den eigenen Reihen

Noch schmerzhafter als Zweifel aus dem Fußball seien für ihn Angriffe aus der Ärzteschaft gewesen. Besonders in Erinnerung geblieben sei ihm ein internationaler Kongress in den 1980er Jahren. Dort habe er seine Diagnostik und Behandlung von Muskelverletzungen vorgestellt und sei anschließend heftig attackiert worden. Der Vorsitzende habe sogar gefordert, ihm die Zulassung zu entziehen. Müller-Wohlfahrt bezeichnet diese Episode als den Tiefpunkt seiner Laufbahn.

Rückhalt habe er damals vor allem von Spitzensportlern bekommen. Der frühere Tour-de-France-Sieger Stephen Roche habe ihm gesagt, dass am Ende die Athleten selbst entschieden, wem sie vertrauten. Diese Unterstützung habe ihn getragen. In seiner Praxis liegen heute mehrere Gästebücher mit Widmungen prominenter Patienten – für ihn ein Zeichen, dass er sich nichts mehr beweisen müsse.

Goldstücke im Behandlungszimmer

Viele Erinnerungsstücke in seiner Praxis stammen direkt von dankbaren Sportstars. Usain Bolt habe ihm einen goldenen Schuh als Geschenk überlassen, später seien unter anderem Boxhandschuhe von Wladimir Klitschko hinzugekommen. Mit einem Augenzwinkern sagt Müller-Wohlfahrt, in sein Regal komme nur Gold – auch aus Platzgründen. Zu den jüngeren Geschenken zählten etwa Trikot und Goldmedaille von Stabhochspringer Armand "Mondo" Duplantis.

Der Sohn soll das Werk weiterführen

Mit Blick auf die Zukunft sieht Müller-Wohlfahrt seine Praxis gut aufgestellt. Vor allem seinen Sohn Kilian beschreibt er als außerordentlich talentiert und diagnostisch ebenbürtig, vielleicht in manchem sogar besser. Auch weitere Kollegen in der Praxis arbeiteten erfolgreich nach derselben Linie. Die angewandten Therapien seien in mehr als 95 Prozent der Fälle erfolgreich, sagt er.

Offen für Neues – vor allem bei Muskelverletzungen

Trotz seiner langen Karriere betont Müller-Wohlfahrt, weiterhin offen für neue Erkenntnisse zu sein. Gerade in der Muskeldiagnostik habe sich aus seiner Sicht viel verändert. Er unterscheide klar zwischen funktionellen und strukturellen Muskelverletzungen. Nicht jede Muskelverletzung sei einfach nur ein Riss in unterschiedlicher Stärke. Manchmal müsse eine Störung behoben werden, in anderen Fällen müsse tatsächlich Gewebe heilen.

Seine besondere Stärke sieht er im Tastsinn. Wenn er Patienten untersuche, blende er nach eigener Aussage alles Äußere aus und konzentriere sich ganz auf die anatomischen Strukturen unter der Haut. Dabei arbeite er mit geschlossenen Augen und ohne jede Ablenkung. Aus der Summe seiner Tastwahrnehmungen entstehe dann die Diagnose.

Angst, seine Hände durch Alltagsarbeiten zu beeinträchtigen, habe er nicht. Er erledige Haus- und Handwerksarbeiten ganz normal – auch mit dem Hammer.

Nähe zu den Patienten als Teil der Behandlung

Prominente Patienten wie Veronica Ferres oder Peter Maffay loben nach seinen Worten besonders seine einfühlsame Art. Müller-Wohlfahrt beschreibt seine Haltung so, dass er jeden Patienten innerlich willkommen heiße und ihm das Gefühl gebe, verstanden zu werden. Dieses Vertrauen sei ein wichtiger Teil der Behandlung.

Fit hält er sich nach wie vor mit viel Bewegung. Er sei den ganzen Tag aktiv und laufe abends gern, bevorzugt im Intervalltraining.

Hilfe – notfalls auch durch Weitervermittlung

Auf die Frage, ob er auch Fälle erlebt habe, in denen er nicht helfen konnte, antwortet Müller-Wohlfahrt differenziert. Er verspreche grundsätzlich Unterstützung, auch wenn nicht immer klar sei, ob das gewünschte Ziel erreichbar sei. Wenn ein Problem außerhalb seines Fachgebiets liege, vermittle er an Spezialisten aus seinem Netzwerk weiter – etwa an Chirurgen, Kardiologen, Neurologen oder Internisten.

Guardiola-Konflikt bleibt eine Wunde

Auch das Zerwürfnis mit Pep Guardiola beim FC Bayern im Jahr 2015 beschäftigt ihn weiterhin. Sollte Guardiola heute seine Hilfe benötigen, würde er ihn nach eigenen Worten nicht abweisen. Er würde die Gelegenheit aber nutzen, um ihm seine medizinische Arbeit und deren Erfolge noch einmal zu erläutern.

Dabei verweist Müller-Wohlfahrt darauf, dass auch viele spanische Sportler seine Praxis aufsuchen. Das sei für ihn ein Hinweis darauf, dass seine Methoden international gefragt seien.

Dass sein vorläufiges Aus bei Bayern damals so wenig Rückendeckung vom Verein erfahren habe, verletzt ihn noch heute. Nach mehr als vier Jahrzehnten der Zusammenarbeit hätte er sich mehr Unterstützung gewünscht. Dennoch betont er seine enge Bindung an den Club: Dem FC Bayern werde er lebenslang verbunden bleiben.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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