Klopp-Show ohne Happy End
Jürgen Klopp hat bei seinem Debüt als Bundestrainer einen Prestigesieg nur knapp verpasst. Die deutsche Nationalmannschaft kam zum Start in die Nations-League-Gruppenphase in Amsterdam nach einem wilden, intensiven und phasenweise hitzigen Spiel zu einem 1:1 (1:0) gegen die Niederlande. Felix Nmecha brachte die DFB-Elf in der 32. Minute in Führung, Cody Gakpo traf in der Nachspielzeit (90.+2) noch zum Ausgleich für Oranje.
87 Tage nach dem bitteren WM-Scheitern in Amerika war zwar noch nicht alles stabil, doch der Auftritt machte Hoffnung. Vor allem bei Tempo, Aggressivität und Pressing war Klopps Handschrift sofort zu erkennen. Der neue Bundestrainer hatte vorab sogar ein gewisses „Chaos“ angekündigt – und genau diese Wucht, Leidenschaft und Intensität bekam sein Einstand über weite Strecken auch.
Nach dem Spiel sprach Klopp bei RTL von einem „meistens guten“ Gefühl. Mit heiserer Stimme sagte er, die Partie sei für beide Mannschaften enorm anstrengend gewesen. Einen Sieg hätte er natürlich gern mitgenommen, mit dem Punkt könne er aber leben.
Musiala fällt vor Anpfiff aus, Havertz muss früh runter
Schon kurz vor Spielbeginn musste Klopp seinen Plan ändern. Jamal Musiala meldete sich wegen Problemen im Oberschenkel ab, weitere Untersuchungen sollen folgen. Für ihn rückte Nadiem Amiri in die Startelf.
Klopp hatte beim Aufwärmen noch mitten unter seinen Spielern gestanden, musste dann aber kurzfristig reagieren. In der Anfangsformation standen weiterhin sieben WM-Teilnehmer. Philipp Treu begann als rechter Verteidiger und feierte sein Debüt im Nationalteam. Insgesamt setzte Klopp auf drei Länderspiel-Neulinge.
Der nächste Rückschlag folgte schon nach nicht einmal einer halben Stunde: Auch Kai Havertz musste verletzt ausgewechselt werden. Für ihn kam Younes Ebnoutalib ins Spiel. Trotz des doppelten Verletzungsausfalls ließ sich die DFB-Elf zunächst nicht aus dem Konzept bringen.
Klopps Zukunfts-Ansage – und ein Start wie aus dem Lehrbuch
Vor dem Anpfiff hatte Klopp gesagt: „Heute kann der erste Tag unserer wundervollen Zukunft sein. Theoretisch.“ Nach einer Schweigeminute für die jüngst verstorbene Ehefrau des ehemaligen Bondscoaches Ronald Koeman legte seine Mannschaft anschließend fast wie aus dem Lehrbuch des neuen Bundestrainers los: hohes Pressing, viel Zug zum Tor, aggressive Zweikampfführung. Karim Adeyemi wurde bereits in der zweiten Minute im Strafraum gestoppt.
Dieser Beginn machte Mut und schürte die großen Hoffnungen, die mit Klopp verbunden sind. Doch die Deutschen verloren nach den starken ersten Minuten auch wieder die Kontrolle.
Mehrere brenzlige Szenen: Kein Elfmeter, Tor aberkannt, ter Stegen mit Wackler
In der 10. Minute kam Brian Brobbey im Strafraum zu Fall, der Schiedsrichter entschied jedoch nicht auf Elfmeter. Kurz darauf jubelten die Niederländer nach einer Ecke über ein Tor von Virgil van Dijk, doch der Treffer wurde wegen eines Fouls an Marc-André ter Stegen nach VAR-Prüfung aberkannt.
Auch ter Stegen, der nach längerer Verletzungspause ins Tor zurückkehrte, erlebte zunächst keinen ruhigen Abend. Ein Fehlpass in die Füße von Gakpo blieb ohne Folgen. Später steigerte sich der Keeper jedoch deutlich und wurde zu einem starken Rückhalt.
Treu leitet die Führung ein – danach Rudelbildung
Die deutsche Führung entstand nach einer Aktion über Kapitän Joshua Kimmich und Debütant Treu. Dessen Hereingabe konnte Adeyemi zunächst noch nicht verwerten, doch Nmecha staubte zum 1:0 ab. Zuvor hatte bereits der kurz zuvor eingewechselte Ebnoutalib eine gute Möglichkeit auf die Führung vergeben.
Direkt danach wurde es hitzig. Die Niederländer beschwerten sich heftig, weil Brobbey sich unmittelbar vor dem deutschen Treffer ohne erkennbare Fremdeinwirkung verletzt hatte und Deutschland die Situation dennoch zu Ende spielte. Da der Schiedsrichter keinen Grund für eine Unterbrechung sah, zählte das Tor. Es kam zur Rudelbildung.
Auch abseits des Platzes stand die Partie unter besonderer Spannung. RTL-Experte Lothar Matthäus hatte vor dem Anpfiff betont: „Jetzt gibt es keine Ausreden mehr, nicht für die Spieler mehr, für keinen mehr.“ Die deutsche Mannschaft lieferte auf diese Forderung zunächst eine starke Antwort.
Schwerstarbeit für Deutschland – und für Klopp an der Seitenlinie
Nach der Pause stand Deutschland zunehmend unter Druck. Kimmich führte das Team im Mittelfeld an, auch Jonathan Tah, Nico Schlotterbeck, Nathaniel Brown und Nmecha mussten defensiv Schwerstarbeit leisten. Druck aushalten wurde für die DFB-Elf zum zentralen Thema der zweiten Hälfte.
Klopp war in der Coaching-Zone ständig unterwegs, coachte lautstark und trieb seine Mannschaft ununterbrochen an. Sein Debüt wurde damit nicht nur für die Spieler, sondern auch für ihn selbst zum Härtetest. Dazu kam, dass Adeyemi noch eine Großchance ungenutzt ließ.
Ter Stegen hält stark – Gakpo trifft doch noch
Ter Stegen bewahrte die DFB-Elf mehrfach vor dem Ausgleich, unter anderem mit starken Paraden gegen Denzel Dumfries und später gegen Mexx Meerdink. Zudem entschärfte er in der Schlussphase spektakulär einen Versuch von Ruben van Bommel. Machtlos wäre er zuvor beinahe bei einer scharfen Hereingabe gewesen, die Meerdink vor dem Tor nur knapp verpasste.
Dennoch hielt die Führung nicht bis zum Ende. In der zweiten Minute der Nachspielzeit traf Gakpo zum 1:1 und verdarb Klopp damit den perfekten Einstand.
Hoffnung trotz spätem Nackenschlag
Auch wenn der Ausgleich kurz vor Schluss schmerzte, hinterließ das erste Spiel unter Klopp insgesamt ein ermutigendes Bild. Deutschland offenbarte defensiv noch einige Wackler, zeigte aber deutlich mehr Energie, Leidenschaft und Widerstandskraft.
Vor dem ersten Heimspiel am Sonntag in Augsburg gegen Griechenland bleibt der späte Ausgleich zwar ein kleiner Nackenschlag. Die Stimmung rund um die DFB-Elf ist nach dieser engagierten Klopp-Premiere aber wieder deutlich hoffnungsvoller.
Klopp zeigte sich nach dem Spiel mit vielen Einzelleistungen „sehr, sehr, sehr zufrieden“, machte aber auch klar, dass seine Mannschaft noch Luft nach oben hat: Deutschland könne „besser und mehr Fußball spielen“. Debütant Philipp Treu sprach von einem Auftritt, der den kommenden Wochen Auftrieb geben müsse: So müsse man spielen, dem Land alles geben und mit Stolz auftreten.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber