Fußball

Infantinos Vorstoß: Kalkül oder Kehrtwende?

Sanfte Töne im FIFA-Krieg: Mit seinem Versöhnungskurs setzt Infantino Gegner unter Druck – doch ist das Reformen oder Kalkül?

22.09.2026, 06:15 Uhr

Kurswechsel statt offener Konfrontation: Mit einem Schreiben an die Präsidenten aller 211 nationalen Fußballverbände sowie an die Mitglieder des FIFA-Councils hat Gianni Infantino im Machtkampf an der Spitze des Weltfußballs überraschend einen versöhnlicheren Ton angeschlagen.

In dem Brief wirbt der Schweizer ausführlich für Geschlossenheit im Fußball. Zugleich räumt er im Zusammenhang mit dem geplanten, letztlich aber gescheiterten Investorengeschäft rund um WM-Rechte Fehler und Missverständnisse ein. Aus seiner Sicht sei das Vorhaben rechtlich wie moralisch vertretbar gewesen. Die Kontrolle der FIFA über sportliche Entscheidungen habe dabei nie zur Disposition gestanden, betont Infantino. Gleichzeitig kündigt er Veränderungen bei den Führungsstrukturen an, die bis in das Präsidentenbüro reichen könnten.

Mit dem Schreiben, das der dpa vorliegt, verändert Infantino also sowohl seinen Ton als auch seine Linie. Offen bleibt jedoch, was ihn dazu bewegt. Ist die wochenlange Kritik samt juristischer Drohungen bei ihm angekommen? Oder handelt es sich vor allem um ein taktisches Manöver, um seine Position zu sichern? An Rücktrittsgedanken lässt der 56-Jährige jedenfalls nichts erkennen.

Was bietet Infantino konkret an?

Infantino spricht von zwei Bausteinen einer möglichen Reform. Zum einen soll eine externe Kommission die Abläufe bei großen Projekten prüfen. Damit reagiert er auf den Vorwurf, er habe den Verkauf von WM-Rechten an US-Investoren im Alleingang vorantreiben wollen.

Zum anderen stellt er einen breit angelegten Konsultationsprozess mit internen und externen Fußballinstitutionen in Aussicht. Dabei soll es um die künftige Führung der FIFA und um bessere Entscheidungswege gehen. Nach seinen Worten würde dabei auch die Rolle und Arbeitsweise des Präsidenten auf den Prüfstand kommen.

Aleksandar Ceferin und Gianni Infantino
UEFA-Chef Ceferin ist der große Gegenspieler von FIFA-Boss Infantino. (Archivbild) Quelle: Fernando Calistro/AP/dpa

Infantino argumentiert, starke Institutionen warteten nicht erst auf ein Versagen ihrer Systeme, bevor sie über Verbesserungen nachdächten. Offenbar versteht er die FIFA selbst als genau eine solche Institution.

Wie substanziell sind die Ankündigungen?

Zunächst dominieren vor allem große Worte. Ein erheblicher Teil des Briefes ist von Appellen an Zusammenhalt und an das Bild einer intakten Fußballgemeinschaft geprägt, die Infantino nach eigener Darstellung in den vergangenen gut zehn Jahren als Präsident mit aufgebaut habe. Dass er überhaupt Reformen oder zumindest Gespräche darüber ins Spiel bringt, markiert zwar eine neue Strategie.

Allerdings enthält das Schreiben noch keine konkreten Reformmodelle. Vorerst lädt Infantino lediglich zu Gesprächen ein. Dabei sieht er sich selbst als Anstoßgeber, sofern der FIFA-Rat dies wünsche. Zugleich betont er, der Debatte nicht vorgreifen zu wollen. Wer ein bestimmtes Modell unterstütze, solle seine Argumente offen darlegen können.

Wie dürften seine Gegner reagieren?

Infantinos Widersacher gelten als erfahrene Machtpolitiker im internationalen Fußball. Dass sie sich von dem neuen Tonfall einfangen lassen, ist kaum anzunehmen. Ebenso wenig ist zu erwarten, dass sie ihre Opposition aufgeben.

UEFA-Präsident Aleksandar Ceferin und sein Umfeld, zu dem auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf zählt, dürften sich kaum mit bloßen Konsultationen zufriedengeben. Ihre Position ist seit Längerem klar: Sie wollen Infantino an der Spitze der FIFA ablösen. Nun wird es für sie darum gehen, auf den Vorstoß des Schweizers geschickt zu reagieren. Ihre Forderungen für mögliche Gespräche dürften deutlich weiter gehen als das, was Infantino bislang anbietet.

Wie geht es jetzt weiter?

Als wichtiges Datum nennt Infantino selbst den 15. Oktober. Dann kommt das FIFA-Council am Sitz des Weltverbandes in Zürich zusammen. Dort treffen Infantino und seine Gegner direkt aufeinander, ein erster offener Schlagabtausch scheint programmiert.

Mit endgültigen Entscheidungen ist bei diesem Treffen aber eher nicht zu rechnen. Denkbar wäre, dass die UEFA-Gruppe gemeinsam mit Verbündeten aus Nord- und Mittelamerika zu einem eigenen Krisentreffen einlädt. Einen entsprechenden Impuls aus den Niederlanden hat es bereits gegeben. Ob Infantino einer solchen Einladung folgen würde, ist offen.

Wer hat im Machtkampf die besseren Karten?

Infantino steht unter Druck, befindet sich aber weiterhin in einer vergleichsweise starken Position. Aus Afrika, Asien und Südamerika erhält er nach wie vor Rückhalt. Das könnte ihm bei der Wahl die nötige Mehrheit sichern.

Zugleich verfolgt sein Brief offensichtlich noch einen weiteren Zweck: Zeit zu gewinnen. Bis zum 18. November müssen seine Gegner einen Gegenkandidaten für die Präsidentschaftswahl benennen, die drei Monate später in Marokko stattfinden soll. Dann endet die entsprechende Frist der FIFA. Noch ist nicht entschieden, wer diesen Gegenangriff anführen könnte.

Mit dem Angebot gemeinsamer Reformgespräche dürfte dieses Vorhaben zumindest erschwert und verzögert werden. Im Falle eines eskalierenden Wahlkampfs kann sich der FIFA-Präsident zudem sofort auf seine Gesprächs- und Kompromissbereitschaft berufen. Wie so oft begründet er das mit einem übergeordneten Ziel: dem Wohl des Fußballs weltweit. Seine Aufgabe sei es, allen 211 Mitgliedsverbänden fair zu dienen, unabhängig davon, welche Haltung sie in dieser konkreten Streitfrage einnähmen, versichert Infantino.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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