Fußball

Gegen Serbien: Klopp vor DFB-Schmach

Klopp blendet Zahlen aus – doch im dritten DFB-Spiel droht ihm ein historischer Fehlstart. Gelingt jetzt die Wende?

29.09.2026, 06:08 Uhr

Viel Druck vor dem Wiesn-Spiel in München

Für Jürgen Klopp geht es im dritten Spiel als Bundestrainer längst nicht mehr nur um bessere Stimmung rund um die Nationalmannschaft. Am Donnerstagabend (20.45 Uhr/ZDF) gegen Serbien in München soll endlich der erste Sieg her. Nach dem 1:1 in den Niederlanden und dem 0:1 gegen Griechenland ist der Ergebnisdruck deutlich gestiegen. Bleibt Deutschland erneut ohne Erfolg, wäre Klopp der erste DFB-Cheftrainer, der seine ersten drei Partien ohne Sieg beendet.

Trotz des Rückschlags gegen Griechenland hält Klopp in Herzogenaurach an seinem Kurs fest. Nähe, gute Stimmung und ein starkes Gemeinschaftsgefühl sollen weiter Energie freisetzen. Ein Rückfall in Tristesse und Selbstzweifel wie im WM-Sommer soll unbedingt vermieden werden.

Klopp setzt weiter auf den großen Umbruch

Mit dem Wechsel auf einen zweiten Kader geht die Debatte über Klopps außergewöhnliche Personalpolitik in die nächste Runde. In den beiden Nations-League-Wochen arbeitet der Bundestrainer mit zwei Gruppen und insgesamt 43 Kandidaten. Bei seiner Vorstellung hatte Klopp noch von 57 möglichen Spielern gesprochen, inzwischen nannte er sogar mehr als 70 Profis, die für ihn grundsätzlich infrage kommen.

Für Klopp ist dieser breite Ansatz nach eigener Einschätzung praktisch alternativlos. Deutschland verfüge zwar nicht über Einzelstars wie andere Topnationen, aber über ein großes Reservoir an Spielern, die der Mannschaft neue Impulse geben könnten. Genau darauf setzt er im Neuaufbau.

Zwischen Lob und Kritik

Für diesen XXL-Kader bekommt Klopp auch prominente Rückendeckung. Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus stellte sich hinter die Idee mit den zwei Kadern. Aus seiner Sicht kann der Bundestrainer nur so herausfinden, welche Spieler dem Druck im Nationaltrikot gewachsen sind.

Tatsächlich haben einige Neulinge bereits Argumente geliefert. Philipp Treu etwa zeigte beim 1:1 in den Niederlanden, dass frische Gesichter nicht nur als Ergänzung taugen. Gerade auf der rechten Abwehrseite wirkte Klopps Mut zu neuen Lösungen zunächst belebend.

Gleichzeitig gibt es aber deutliche Kritik. Gegner des Großaufgebots sehen die ersten vier Nations-League-Spiele als riskantes Experiment in einer ohnehin heiklen Phase. Statt Stabilität und klarer Hierarchien drohten zusätzliche Unsicherheit, verwässerte Rollen und womöglich verschenkte Ergebnisse. Im schlimmsten Fall könnte sogar der Abstieg aus der A-Gruppe der Nations League zum Thema werden.

Kimmich als Symbolfigur der Debatte

Besonders sichtbar wird die Diskussion an Joshua Kimmich. Der DFB-Kapitän hätte den Neuaufbau offenbar gern aktiv weiter begleitet, muss nun aber zuschauen, wie Klopp mit vielen neuen Spielern arbeitet. Seine Pause wird einerseits als notwendige Entlastung im engen Kalender gedeutet, andererseits aber auch als Signal, dass Klopp bewusst ohne feste Gewissheiten testen will.

Kritiker sehen darin ein Problem: Gerade in Krisenzeiten brauche die Nationalmannschaft Kontinuität und klare Orientierung. Auch etablierte Kräfte wie Marc-André ter Stegen oder Jonathan Tah erhalten durch den ständigen Wechsel nicht die maximale gemeinsame Spielzeit.

Große Namen taugen als kleiner Mutmacher

Für Klopp bleibt zumindest der Blick in die Geschichte ein kleiner Hoffnungsschimmer. Auch Sepp Herberger und Helmut Schön starteten einst ohne Sieg, kamen in ihren ersten beiden Spielen aber jeweils auf zwei Unentschieden. Beide wurden später zu prägenden Bundestrainern: Herberger führte Deutschland 1954 zum WM-Triumph, Schön gewann 1972 die EM und 1974 die Weltmeisterschaft.

Von Klopps zwölf Vorgängern schafften nur Rudi Völler, Joachim Löw und Hansi Flick drei Siege in den ersten drei Spielen. Klopp hatte seine bisherige Anfangsbilanz zuletzt selbst relativiert und stärker auf die langfristige Entwicklung verwiesen als auf den reinen Auftakt.

Mika Baur bleibt eines der spannendsten neuen Gesichter

Neben dem Ergebnis rückt auch weiterhin Mika Baur in den Fokus. Der 22 Jahre alte Mittelfeldspieler, den viele wegen seines Vaters Markus Baur zunächst eher mit dem Handball verbinden, gehört plötzlich zu den auffälligen Namen im DFB-Camp. Der Sohn des früheren Handball-Europameisters und Weltmeisters war nach eigener Einschätzung selbst überrascht, überhaupt in Klopps erweiterten Kreis aufgetaucht zu sein.

Nach dem Aufstieg mit dem SC Paderborn wechselte Baur im Sommer zu Celtic Glasgow. Dass ihn dieser rasante Weg so schnell sogar an die Nationalmannschaft heranführen würde, kam für ihn unerwartet. Nun zählt er zu den neun Spielern im aktuellen Aufgebot, die noch kein A-Länderspiel absolviert haben.

Baur will die Tage beim DFB bestmöglich nutzen, Eindrücke sammeln und im Idealfall schon bald erste Minuten im Nationaltrikot bekommen. Sein Ziel ist klar: einen Fußabdruck hinterlassen.

Offene Fragen vor Serbien

Der große personelle Umbau wirft aber nicht nur bei den Neuen Fragen auf. Auch sportlich ist noch vieles offen. Wie genau Klopp Hierarchien ordnen will, wie der Kader im November wieder auf Normalgröße von etwa 23 Spielern reduziert werden soll und welche Rollen langfristig für Führungsspieler vorgesehen sind, ist noch nicht abschließend erkennbar.

Dazu kommen taktische Fragen: Schon vor der Muskelverletzung von Jamal Musiala waren Musiala und Florian Wirtz in unterschiedliche Kadergruppen aufgeteilt. Damit steht auch im Raum, wie Klopp künftig mit dem viel diskutierten Duo umgehen will.

So steht vor dem Duell mit Serbien mehr auf dem Spiel als nur das Ergebnis eines Nations-League-Abends. Klopp muss den ersten Sieg liefern, einen historischen Fehlstart verhindern und zugleich beweisen, dass sein groß angelegter Neuaufbau nicht nur mutig, sondern auch tragfähig ist.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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