Europas Fußballfunktionäre halten trotz Entschuldigung an Rücktrittsforderung gegen Infantino fest
Trotz einer Entschuldigung von FIFA-Präsident Gianni Infantino beharren mehrere europäische Fußball-Vertreter um DFB-Präsident Bernd Neuendorf auf ihrer Forderung nach seinem Rücktritt. Nach einer mehr als dreieinhalbstündigen Krisensitzung des FIFA-Councils in Zürich sprach Neuendorf von enttäuschenden Ergebnissen.
„Wir haben sehr viele kritische Fragen gestellt, befriedigende Antworten hat es aus meiner Sicht nicht gegeben“, sagte der DFB-Chef. Auch UEFA-Präsident Aleksander Ceferin verließ das Treffen laut Beobachtern ohne Kommentar und sichtlich frustriert.
Die Council-Sitzung war die erste direkte Zusammenkunft Infantinos mit seinen Kritikern seit dessen massiv umstrittener Idee eines Investorenmodells für die Fußball-WM im Sommer. Nach Angaben der englischen FIFA-Vizepräsidentin Debbie Hewitt habe Infantino die Einwände angehört und zugesichert, zu allen offenen Punkten Stellung zu nehmen. Konkrete Vereinbarungen gab es jedoch praktisch nicht.
Kein Zeitplan für Antworten
Einen Zeitrahmen für seine Antworten nannte Infantino nicht. Besonders umstritten bleibt die Frage, wie er an den FIFA-Gremien vorbei einen Finanzplan rund um das WM-Kerngeschäft entwickeln konnte, bei dem auch der Donald Trump nahestehende Joshua Kuschner eine Rolle gespielt haben soll.
Neuendorf bezeichnete die Ergebnisse deshalb als „dünn“. Infantino habe sich zwar entschuldigt, allerdings nur für die mangelnde Kommunikation – nicht für das inzwischen verworfene Projekt selbst.
Suche nach Gegenkandidaten läuft weiter
Bis zum 18. November wollen die Europäer entscheiden, ob sie einen Gegenkandidaten für die FIFA-Präsidentschaftswahl am 18. März in Rabat aufstellen. Neuendorf machte deutlich, dass das Vertrauen in Infantino aus seiner Sicht verloren gegangen sei. Nun brauche der Weltverband neue Personen und frische Ideen, um die für den Weltfußball zentrale Organisation wieder auf eine verlässliche Grundlage zu stellen.
Allerdings zeigte sich erneut, dass Infantino außerhalb Europas weiter über viel Rückhalt verfügt. Das mauretanische Council-Mitglied Ahmed Yahya betonte, die Mehrheit der Verbände weltweit sowie die Konföderationen unterstützten den FIFA-Präsidenten.
Inszenierung in sozialen Medien
Kurz vor Sitzungsbeginn inszenierte sich Infantino zudem demonstrativ als Gastgeber der Fußball-Welt. In sozialen Medien veröffentlichte er Bilder eines Treffens mit Funktionären aus aller Welt in einem Zürcher Nobelhotel. Die Botschaft: Geschlossenheit und internationale Unterstützung.
Während Infantino von einem „wunderbaren Abend“ mit Kollegen und FIFA-Vizepräsidenten sprach, wirkten die europäischen Kritiker um Ceferin und Neuendorf auf den veröffentlichten Bildern deutlich reservierter.
Arbeitsgruppe für Reformen
Beschlossen wurde die Einrichtung einer Arbeitsgruppe unter Leitung von FIFA-Vizepräsident Scheich Salman Bin Ebrahim al Khalifa. Sie soll die Führungs- und Kontrollstrukturen des Weltverbandes überarbeiten, damit eigenmächtige Vorstöße bei bedeutenden Projekten künftig verhindert werden.
Neuendorf erklärte, es sei vor allem darum gegangen, für die Wahl in Rabat einen fairen Prozess ohne Einfluss der von Infantino geführten FIFA-Administration zu ermöglichen. Sein Fazit fiel dennoch ernüchternd aus: Er habe nicht erwartet, auf jede Frage sofort eine Antwort zu bekommen – dass aber gar keine gekommen sei, sei enttäuschend.
Zukunft des FIFA-Friedenspreises offen
Bis zur nächsten Council-Sitzung am 16. Dezember in Doha soll auch über die Zukunft des FIFA-Friedenspreises entschieden werden. Der Preis war im vergangenen Jahr in ungewöhnlicher Weise an US-Präsident Donald Trump vergeben worden.
Auf Zustimmung stieß dagegen ein Vorschlag, die jährlichen Zahlungen an die 211 nationalen Fußballverbände deutlich anzuheben: Statt bisher rund zehn Millionen Dollar sollen künftig etwa 25 Millionen Dollar fließen.
Abgelehnt wurde laut Hewitt hingegen eine Änderung bei der Bestrafung nach Roten Karten. Nach den Diskussionen rund um die Aufhebung der Sperre für den US-Spieler Folarin Balogun, die angeblich auf Einfluss von Trump und Infantino zurückging, war vorgeschlagen worden, Einsprüche gegen die Mindestsperre von einem Spiel künftig auszuschließen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber