Politik

Jetzt wird’s ernst: Neue Bahn Hannover-Hamburg

Nach zähem Ringen: Der Bundestag stellt die Weichen für die umstrittene neue Bahntrasse Hannover–Hamburg.

07.10.2026, 09:56 Uhr

Nach jahrelangem Streit ist für die bundesweit wichtige Bahnverbindung zwischen Hannover und Hamburg ein entscheidender Schritt gemacht: Der Verkehrsausschuss des Bundestags hat die Ergebnisse der Vorplanung bestätigt und damit den Weg für eine Neubaustrecke freigemacht. Zugleich verlangt der Ausschuss spürbare und möglichst schnelle Verbesserungen an der bestehenden Strecke.

Der Antrag wurde mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD, Grünen und Linken beschlossen. Am späten Donnerstagabend soll sich auch der gesamte Bundestag mit dem Vorhaben befassen. In der Koalition gilt die Zustimmung dort als Formsache.

Die Verbindung zwischen Hannover und Hamburg gehört zu den wichtigsten Verkehrsachsen Deutschlands. Die Bestandsstrecke ist seit Langem stark überlastet. Nach Angaben der Deutschen Bahn liegt die Auslastung auf dem Korridor bei bis zu 147 Prozent. Die Strecke ist für den Fernverkehr zwischen Nord- und Süddeutschland, für Pendler in Niedersachsen und Hamburg sowie besonders für den Güterverkehr von großer Bedeutung. Über sie wird auch der Hamburger Hafen mit Süddeutschland und dem europäischen Ausland verbunden. Laut Bahn fährt jeder vierte Güterwagen in Deutschland von oder nach Hamburg.

Neubau soll Fahrzeit senken und Kapazität schaffen

Die bevorzugte Lösung sieht einen zweigleisigen Neubau zwischen Hannover-Vinnhorst und Hamburg-Meckelfeld mit einer Länge von 109 Kilometern vor. Die neue Trasse soll direkter verlaufen als die bisherige Verbindung über Lüneburg, Uelzen und Celle, teilweise entlang der A7. Geplant ist eine Strecke über Soltau und Bergen, ausgelegt für Geschwindigkeiten von bis zu 250 km/h.

Nach den bisherigen Planungen soll die Neubaustrecke vor allem Fern- und Güterverkehr von der Bestandsstrecke aufnehmen. Für Fahrgäste im Fernverkehr würde sich die Reisezeit zwischen Hamburg und Hannover um rund 18 Minuten verkürzen. In der Vorplanung wird das Projekt als wichtiger Beitrag zur Beseitigung eines zentralen Engpasses im deutschen Schienennetz beschrieben.

Befürworter sehen Lösung für einen zentralen Engpass

Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) sprach von einer Grundsatzentscheidung, mit der ein zentraler Engpass im deutschen Schienennetz aufgelöst werden könne. Zugleich kündigte er konkrete Verbesserungen entlang der bestehenden Strecke an.

Nach Angaben aus der Koalition sollen Neubau und Modernisierung der bestehenden Strecke miteinander verknüpft werden. Die SPD-Verkehrspolitikerin Isabel Cademartori sprach von einem Ende des jahrelangen Stillstands und einem Kompromiss, der zusätzliche Kapazitäten für Personen- und Güterverkehr schaffen solle. Vorgesehen seien rund 250 Millionen Euro zusätzlich für die Bestandsstrecke bis spätestens 2034.

Geplant sind unter anderem mehr Lärmschutz, betriebliche Verbesserungen und die Möglichkeit neuer Regionalhalte entlang der Neubaustrecke. Der CDU-Abgeordnete Christoph Ploß bezeichnete die neue Verbindung als wichtigen Baustein, um Engpässe zwischen Hamburg und Hannover dauerhaft zu beseitigen.

Auch weitere Befürworter begrüßten die Entscheidung. Der Fahrgastverband Pro Bahn erwartet Vorteile nicht nur für den Fernverkehr, sondern auch für den Regionalverkehr sowie schnellere Verbindungen von Nordrhein-Westfalen nach Hamburg und weiter nach Skandinavien. Zudem sieht der Verband deutliche wirtschaftliche Vorteile durch die neue Strecke. Hamburgs Verkehrssenator Anjes Tjarks sprach von einer realistischen Perspektive zur Lösung der Kapazitätsprobleme auf der Schiene in Norddeutschland. Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay wertete den Schritt ebenfalls als positives Signal für den Norden.

Projekt in Niedersachsen weiter umstritten

Trotz des Fortschritts aus Berlin bleibt das Vorhaben vor allem in Niedersachsen politisch hoch umstritten. Über eine neue Trasse wird dort seit Jahrzehnten gestritten, und es gibt anhaltende Proteste gegen den Neubau.

Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) kritisierte, die Planung einer Strecke voranzutreiben, die womöglich erst in 30 oder 40 Jahren komme, sei nur ein Teil der Lösung. Er kündigte an, weiter auf Verbesserungen für Pendler und auf ein drittes Gleis auf der Bestandsstrecke zu drängen. Lies verweist seit Jahren auf die Ausbauvariante „Alpha-E“, die aus einem früheren Dialogforum hervorgegangen war und statt eines Neubaus vor allem auf den Ausbau der vorhandenen Strecke setzt.

Lies bemängelte zudem, der Bund habe sich in der Debatte zu stark auf die großen Städte konzentriert und die Interessen der Pendler im Land zu wenig berücksichtigt. Auch SPD-Chef und Vizekanzler Lars Klingbeil, dessen Wahlkreis in der Lüneburger Heide von der geplanten Neubaustrecke betroffen wäre, hatte sich über Jahre gegen das Projekt ausgesprochen.

Kritik kommt außerdem aus dem Naturschutz. Der Nabu Niedersachsen warnt, ein Neubau könne wertvolle Lebensräume dauerhaft verändern und zerschneiden.

Sanierung der Bestandsstrecke für 2029 vorgesehen

Unabhängig vom Neubau ist bereits eine umfassende Sanierung der bestehenden Strecke zwischen Hannover und Hamburg vorgesehen. Diese Korridorsanierung ist bislang für das Jahr 2029 geplant. Das Konzept sieht vor, die stark belastete Strecke über mehrere Monate vollständig zu sperren und grundlegend zu modernisieren, anstatt die Arbeiten unter laufendem Betrieb durchzuführen.

Allerdings wird das Konzept der Korridorsanierungen derzeit vom Bundesverkehrsministerium und der Bahn überprüft. Es deutet sich an, dass künftig pro Jahr weniger Strecken saniert werden könnten als bislang vorgesehen.

Wie es weitergeht – und was das kostet

Nach einer Bestätigung durch den Bundestag folgen die nächsten Planungs- beziehungsweise Leistungsphasen. Zunächst geht es um Entwurfs- und Genehmigungsplanung. Bis eine Baugenehmigung vorliegt und tatsächlich gebaut wird, dürften noch viele Jahre vergehen.

Aus dem Bericht zur Vorplanung ergibt sich derzeit folgender Zeitplan: 2034 sollen die Planfeststellungsunterlagen eingereicht werden, 2036 könnte der Bau beginnen, und 2050 wäre eine Fertigstellung beziehungsweise Inbetriebnahme möglich.

Offen ist weiterhin die Finanzierung. Laut Vorplanung rechnet die Bahn mit Kosten von mindestens rund neun Milliarden Euro. Sollten zusätzliche Forderungen aus der Region berücksichtigt werden, könnte das Projekt noch deutlich teurer werden. Generell gilt, dass auch die weiteren Planungsphasen erst finanziert werden müssen; der größte Finanzbedarf würde dann mit dem eigentlichen Baubeginn anfallen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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