Für progressive Katholiken ist es ein folgerichtiger Schritt, für konservative Stimmen ein Bruch mit der bisherigen Linie: Der Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, erlaubt in seiner Erzdiözese München und Freising die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare nun offiziell.
Wie das Erzbistum auf Anfrage mitteilte, verweist Marx in einem aktuellen Schreiben an die Seelsorgerinnen und Seelsorger auf eine Handreichung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Diese solle als Grundlage pastoralen Handelns dienen. Zuerst hatte die Würzburger „Tagespost“ darüber berichtet.
Orientierung durch gemeinsame Handreichung
Die Handreichung war vor rund einem Jahr von DBK und ZdK beschlossen worden. Sie trägt den Titel „Segen gibt der Liebe Kraft“. Darin heißt es, die Kirche wolle Paare, die in einer Liebesbeziehung leben, anerkennen und seelsorgerlich begleiten.
Nach dem Papier können unter anderem geschiedene und wiederverheiratete Katholiken, Paare verschiedener geschlechtlicher Identitäten und sexueller Orientierungen sowie Paare, die nicht kirchlich heiraten möchten oder können, einen Segen für ihre Partnerschaft erhalten.
Neu ist vor allem die kirchenrechtliche Wirkung: Zwar hatten schon zuvor einzelne Priester schwule und lesbische Paare gesegnet, sie bewegten sich dabei aber in einer rechtlichen Grauzone. Wenn ein Ortsbischof die Handreichung in seinem Bistum anwendet, erhält diese Praxis nun offizielle Rückendeckung. In der katholischen Kirche entscheidet jeder Bischof in seinem Bistum weitgehend eigenständig.
Ehe bleibt weiterhin Mann und Frau vorbehalten
Trotz der Öffnung bei Segnungen bleibt die kirchliche Ehe in der katholischen Kirche weiterhin ausschließlich Mann und Frau vorbehalten. Auch geschiedene und wiederverheiratete Katholiken können in manchen Bistümern künftig einen Segen erhalten, eine kirchliche Trauung ist für sie aber weiter ausgeschlossen.
Zustimmung und Widerstand in den Bistümern
Umgesetzt wird die Handreichung bereits in mehreren Diözesen, darunter Limburg, Trier und Rottenburg-Stuttgart.
Anders ist die Lage in konservativ geführten Bistümern. Aus Regensburg heißt es, eine solche Empfehlung werde es dort nicht geben. Auch im Bistum Passau findet die Handreichung keine Anwendung. Das Erzbistum Köln lehnt sie ebenfalls ab. Dort wird auf Vorgaben aus Rom verwiesen, wonach Segnungen nur spontan und kurz erfolgen sollen, nicht jedoch in liturgischer Form. Nach Einschätzung aus Köln geht die deutsche Handreichung damit über die weltkirchlichen Regelungen hinaus.
Die „Tagespost“, die als Stimme erzkonservativer Katholiken gilt, bezeichnete die Segensfeiern als „deutsche Provokation“, die den vatikanischen Vorgaben widerspreche.
Lob aus dem progressiven Lager
Der Münchner Priester Wolfgang Rothe, der offen schwul lebt und sich seit Jahren für Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare einsetzt, begrüßte den Schritt von Marx. Bereits 2021 hatte er im Rahmen der Aktion #liebegewinnt öffentlich schwule und lesbische Paare gesegnet. Die Aktion war damals ein Protest liberaler Geistlicher gegen das frühere ausdrückliche Verbot aus dem Vatikan.
Rothe sprach nun von einem „Sprung über den eigenen Schatten“ und einem kleinen, aber epochalen Fortschritt. Gleichgeschlechtliche Paare seien keine Bittsteller mehr, und Priester müssten bei einer Segnung keine negativen Folgen mehr befürchten.
Zugleich betonte er, dass die Diskriminierung queerer Menschen in der katholischen Kirche damit nicht beendet sei. Sie sei aber geringer geworden.
Viele Bischöfe warten auf Papst Leo XIV.
Warum zahlreiche Bischöfe die gemeinsame Handreichung bislang nicht in ihren Diözesen anwenden, bleibt offiziell offen. Beobachter vermuten jedoch, dass viele zunächst abwarten, wie sich Papst Leo XIV. in Fragen der Sexualmoral und zu LGBTQ-Themen positionieren wird.
Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass Leo XIV. die kirchliche Lehre in diesem Bereich verändern will. Nach seiner Wahl hatte er Themen rund um LGBTQ als stark polarisierend bezeichnet. Gerade deshalb dürften viele Bischöfe vorerst auf eine klare Linie aus Rom warten.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion