Berliner Philharmonie vor milliardenschwerer Erneuerung
Die grundlegende Sanierung der Berliner Philharmonie könnte deutlich teurer werden als zunächst gedacht. Nach einer vom Orchester beauftragten Machbarkeitsstudie werden allein für die Erneuerung des Gebäudes rund 800 Millionen Euro veranschlagt. Intendantin Andrea Zietzschmann betonte, seit der Eröffnung 1963 habe es nie eine umfassende Grundsanierung gegeben. Die Arbeiten sollen nach aktuellem Stand ab 2032 beginnen.
Während der Bauzeit könnte die Philharmonie bis 2040 geschlossen bleiben. Für die Berliner Philharmoniker wäre deshalb über Jahre eine Ausweichspielstätte nötig. In der Studie wird dafür vor allem der frühere Flughafen Tempelhof genannt, wofür weitere rund 350 Millionen Euro kalkuliert werden. Damit läge das Gesamtvolumen des Projekts bei etwa 1,15 Milliarden Euro.
Mängel bei Brandschutz, Technik und Sanitäranlagen
Die Berliner Philharmoniker zählen mit Chefdirigent Kirill Petrenko zu den renommiertesten Orchestern der Welt. Ihr Konzertsaal nahe dem Potsdamer Platz, entworfen von Hans Scharoun, gilt als eines der bekanntesten Bauwerke Berlins.
Der Sanierungsbedarf ist jedoch groß: Nach Angaben des Orchesters gibt es Defizite beim Brandschutz, die Klimatechnik und die Kabelanlagen sind veraltet, und auch die Sanitäranlagen bereiten Probleme. Wegen verstopfter Rohre komme es mitunter zu Überläufen. Spätestens ab 2032 oder 2033 sei ein störungsfreier täglicher Veranstaltungsbetrieb nicht mehr sicher zu gewährleisten.
Großer Saal und Kammermusiksaal treiben die Kosten
Von den geschätzten 800 Millionen Euro entfallen laut Studie rund 436 Millionen Euro auf den Großen Saal. Für den kleineren Kammermusiksaal, der 1987 nach Plänen des Architekten Edgar Wisniewski eröffnet wurde, sind weitere 307 Millionen Euro vorgesehen.
Im Umfeld der Philharmonie wird darauf verwiesen, dass diese Summe in einer Größenordnung liegt, die an den Neubau der Hamburger Elbphilharmonie erinnert. Zugleich wird betont, dass die Baukosten seit deren Eröffnung 2017 weiter gestiegen sind.
Orchester sorgt sich um Klang und Übergangszeit
Philipp Bohnen, Geiger und Medienvorstand der Berliner Philharmoniker, unterstrich die besondere Bedeutung des Hauses für die Musiker. Der Saal sei für das Orchester das, was für einen Geiger seine Geige sei: das eigene Instrument. Die Akustik sei außergewöhnlich und weltweit einmalig.
Mit Blick auf einen vorübergehenden Umzug äußerte Bohnen große Sorge. Das Orchester hoffe, den Saal nach der Sanierung in derselben akustischen Qualität und architektonischen Schönheit zurückzubekommen. Auch eine Interimsspielstätte müsse sehr gute akustische Bedingungen bieten. Besonders heikel sei dies, weil in dieser Zeit ein Generationenwechsel im Orchester anstehe und dann womöglich etliche Musikerinnen und Musiker schon jahrelang im Ensemble spielten, ohne jemals im eigentlichen Stammhaus aufgetreten zu sein.
Finanzierung noch offen
Die Finanzierung des Vorhabens ist bislang nicht vollständig gesichert. Der Bund hat über den Hauptstadtfinanzierungsvertrag bis zu 225 Millionen Euro zugesagt. Im Berliner Investitionshaushalt sind nach Angaben von Zietzschmann weitere 350 Millionen Euro eingestellt. Damit liege man bei insgesamt rund 600 Millionen Euro und habe eine solide Grundlage.
Die Intendantin drängt nun auf eine zügige Grundsatzentscheidung der nächsten Berliner Landesregierung. Nach ihrer Einschätzung braucht es innerhalb des nächsten halben Jahres Klarheit, damit sich der Zeitplan nicht weiter verschiebt.
Tempelhof bevorzugt – auch andere Varianten im Gespräch
Als Ausweichspielstätte werden neben Tempelhof auch andere Möglichkeiten diskutiert, darunter das frühere Kongresszentrum ICC oder ein Neubau auf einer Freifläche. Zietzschmann spricht sich jedoch klar für die Hangars 1 bis 3 des ehemaligen Flughafens Tempelhof aus. Das wäre aus ihrer Sicht ein idealer Ort für ein solches Übergangsprojekt.
Weitere Berliner Großbaustellen
Mit der Philharmonie käme auf Berlin eine weitere große Kulturbaustelle zu. Bereits jetzt wird das Pergamonmuseum saniert, dessen erste Bereiche im kommenden Sommer wieder öffnen sollen. Auch die Staatsbibliothek soll für mehr als ein Jahrzehnt wegen Sanierungsarbeiten schließen. In unmittelbarer Nähe der Philharmonie entsteht zudem derzeit das Museum Berlin Modern.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber