Bayern

Wie ein Schausteller aus Scheunenfund ein Denkmal machte

Fast 90 Jahre alt – und trotzdem ein Wiesn-Hit: Warum die «Fahrt ins Paradies» Nostalgiker und Neugierige anzieht

23.09.2026, 04:00 Uhr

Nostalgie auf der Oidn Wiesn: Mit der „Fahrt ins Paradies“ zurück in eine andere Zeit

Wenn Gerlinde und Winfried Brenner auf dem Oktoberfest nach etwas Besonderem suchen, führt für sie kein Weg an der historischen „Fahrt ins Paradies“ vorbei. Gleich mehrere Runden wollen sie sich auf dem traditionsreichen Karussell gönnen. Die Berg- und Talbahn stammt aus dem Jahr 1939, erreicht bis zu 40 Stundenkilometer, bietet 32 Personen Platz – und gilt inzwischen sogar als Denkmal.

Seit 2010 gehört das Fahrgeschäft fest zur Oidn Wiesn, dem traditionsbewussten Teil des Oktoberfests im südlichen Bereich des Festgeländes. Dort steht weniger das große Spektakel im Vordergrund, sondern vielmehr das nostalgische Erlebnis. Während für den Zugang zur Oidn Wiesn Eintritt fällig wird, sind die Fahrpreise der alten Attraktionen bewusst niedrig gehalten.

Ein Karussell mit besonderer Geschichte

Möglich ist das alles vor allem durch Toni Schleifer und seine Familie, die seit Generationen im Schaustellergewerbe tätig sind. Der 57-Jährige beschreibt sein Karussell als eine Reise in eine andere Welt. Gebaut wurde die Anlage 1939 von der Firma Friedrich Heyn in Neustadt an der Orla, die Schleifer zufolge als erste Karussellfabrik der Welt gilt.

Besonders bemerkenswert: Die „Fahrt ins Paradies“ befindet sich bis heute weitgehend im ursprünglichen Auslieferungszustand. Auf Initiative Schleifers wurde das mobile Fahrgeschäft 2025 unter Denkmalschutz gestellt. Nach seinen Angaben ist es damit das erste und bislang einzige transportable Fahrgeschäft in Deutschland mit diesem Status.

Münchner Oktoberfest - Oide Wiesn - Fahrt ins Paradies
Toni Schleifer legt an seinem historischen Fahrgeschäft noch Platten auf. Quelle: Sven Hoppe/dpa

Entdeckt als Scheunenfund

Dass das Karussell heute wieder Besucher begeistert, war lange nicht absehbar. Schleifer erinnert sich noch gut an das Jahr 2003, als er eher zufällig auf die Anlage aufmerksam wurde. Er kaufte sie damals vom Sohn des verstorbenen Erstbesitzers. Zunächst habe er gar nicht erkannt, was für ein Schatz da vor ihm stand – ein solches Fahrgeschäft habe er zuvor noch nie gesehen.

In den darauffolgenden sieben Jahren restaurierte er die Bahn mit viel Sorgfalt und Leidenschaft. Ursprünglich war geplant, sie später einmal in einem Schaustellermuseum zu zeigen. Doch dann kam alles anders.

Vom Museumsstück zum Publikumsliebling

2010 erhielt Schleifer aus Düren die Möglichkeit, das restaurierte Karussell auf der Annakirmes zu präsentieren. Dort kam es beim Publikum so gut an, dass sich neue Perspektiven ergaben. Im selben Jahr feierte das Münchner Oktoberfest sein 200-jähriges Bestehen – und mit dem Jubiläum entstand auch die Oide Wiesn. Für Schleifer passte das historische Fahrgeschäft perfekt in dieses Konzept.

Die passende Kulisse für Tradition und Gemütlichkeit

Gerade diese besondere Atmosphäre schätzen auch die Brenners. Für sie ist die Oide Wiesn ein angenehmer Gegenpol zum Trubel des großen Festes. Statt immer neuer, schnellerer und spektakulärerer Attraktionen stehe hier das Bewahren alter Traditionen im Mittelpunkt. Für die beiden ist das Angebot dort vor allem eine Herzensangelegenheit.

Rund um die Fahrgeschäfte sorgt echte Volksfestnostalgie für Stimmung: Aus dem Museumszelt klingt bayerische Volksmusik, Gäste stoßen mit Steinkrügen an, und vor dem Zelt spielen Musiker auf historischen Drehorgeln. Immer wieder bleiben Besucher stehen, hören zu und genießen die entschleunigte Stimmung.

Alte Schlager und Saxofon direkt vom Betreiber

Auch Toni Schleifer selbst trägt dazu bei, dass die „Fahrt ins Paradies“ möglichst authentisch wirkt. Er legt Schallplatten aus seiner privaten Sammlung auf – vor allem alte Schlager – und greift zwischendurch sogar selbst zum Saxofon. Für ihn ist das Karussell weit mehr als nur ein Geschäft: Die Begeisterung der Gäste motiviere ihn immer wieder aufs Neue.

Eine Fahrt, die verjüngt

Nach vier Runden ist für Gerlinde und Winfried Brenner vorerst Schluss. Gerlinde zeigt sich begeistert und fühlt sich nach der Fahrt gleich viel jünger. Am liebsten wäre sie noch weitergefahren, doch schließlich mussten auch andere Besucher zum Zug kommen. Für das historische Karussell ist der Abend damit aber noch lange nicht vorbei – und gut möglich, dass auch die Brenners in den nächsten Tagen noch einmal einsteigen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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