Lokales

50. Bachmann-Wettlesen: Hier zeigen Schreibtalente Mut

Eine Debütantin vor der größten Mutprobe, eine Preisträgerin mit DDR-Vergangenheit: Warum Klagenfurt für beide alles verändert.

21.06.2026, 12:48 Uhr

Derya Uzun startet bei der 50. Ausgabe des Bachmann-Wettbewerbs

Die deutsche Autorin Derya Uzun kann ihre Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb noch kaum fassen. Für die 27-Jährige geht damit ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung: Nichts habe sie sich mehr gewünscht als eine Einladung zu dem renommierten Literaturwettbewerb, der am Donnerstag in Klagenfurt beginnt.

Auch die frühere Jurorin und Bachmann-Preisträgerin Helga Schubert blickt mit Respekt auf das Format. Wer dort antrete, brauche Mut und Selbstvertrauen, sagt die 86-jährige Schriftstellerin.

Lesungen vor Publikum und Jury

Beim Wettbewerb tragen 14 Autorinnen und Autoren an drei Tagen ihre deutschsprachigen Texte live im Fernsehen bei 3sat und vor Publikum vor. Direkt gegenüber sitzt eine Fachjury, die die Beiträge eingehend bespricht und nicht selten scharf beurteilt.

Am Sonntag wird der Hauptpreis der Stadt Klagenfurt vergeben, der mit 30.000 Euro dotiert ist. Hinzu kommen weitere Auszeichnungen. Doch neben den Preisen spielt auch die öffentliche Aufmerksamkeit eine zentrale Rolle: Für viele Schreibende ist der Wettbewerb eine wichtige Chance, im Literaturbetrieb wahrgenommen zu werden.

Uzun setzte auf eine klare Strategie

Wer teilnehmen will, muss sich mit einem Text bei einem Jurymitglied bewerben. Uzun ging dabei entschlossen vor. Obwohl sie noch kein Buch veröffentlicht hat und derzeit an ihrem ersten Roman arbeitet, organisierte sie sich die nötige Verlagsempfehlung über einen Literaturagenten. Ohne diese Unterstützung ist eine Bewerbung nicht möglich.

50. Bachmann-Wettlesen: Autorin Derya Uzun
Für Derya Uzun geht es bei dem Wettbewerb um Sichtbarkeit, nicht um Geld. Quelle: Marco Schoppa/Derya Uzun/dpa

Die Autorin, die aktuell ihr Studium an der Universität Bayreuth abschließt, spricht von Dankbarkeit und Demut. Für sie zeigt die Einladung, dass auch bislang unbekannte Autorinnen und Autoren eine echte Chance haben – entscheidend sei am Ende der Text.

Helga Schuberts langer Weg nach Klagenfurt

Nicht jede Karriere beim Bachmann-Wettbewerb verläuft geradlinig. Helga Schubert war bereits 1980 eingeladen, durfte die DDR jedoch nicht verlassen. Nach ihren Worten galt der damalige Juryvorsitzende Marcel Reich-Ranicki der SED-Führung als entschiedener Antikommunist. Zudem wurde auch Schuberts Haltung zur DDR als kritisch betrachtet.

Die Einladung habe sie damals bestärkt, erinnert sich Schubert. Dass sie nicht reisen durfte, habe sie weniger enttäuscht als vielmehr in ihrer Sicht auf den Staat bestätigt.

Später änderte sich ihre Rolle in Klagenfurt: Ab 1987 war sie mehrere Jahre als Jurymitglied dabei. Die Ausreise wurde nun erlaubt, auch weil Reich-Ranicki nicht mehr zur Jury gehörte. 2020 kehrte Schubert schließlich als Autorin zurück. Zunächst habe sie gezögert, weil sie sich mit 80 Jahren nicht blamieren wollte. Doch sie sagte zu – und gewann mit ihrem autobiografischen Text „Vom Aufstehen“ den Bachmann-Preis. In diesem Jahr hält sie in Klagenfurt die Eröffnungsrede.

Große Bedeutung für Karriere und Buchmarkt

Nach Schuberts Einschätzung kann der Gewinn des Bachmann-Preises eine Laufbahn grundlegend verändern. Die Auszeichnung erleichtere die Vermarktung erheblich. Bei ihr selbst werde der Preis bis heute auf jedem Buchcover genannt.

Der Wettbewerb hat in der Vergangenheit viele bekannte Namen hervorgebracht, darunter Sten Nadolny, Terézia Mora, Sibylle Lewitscharoff und Uwe Tellkamp. Andere Teilnehmende blieben wegen besonderer Auftritte im Gedächtnis: So verletzte sich Rainald Goetz 1983 während seiner Lesung im Gesicht, während Urs Allemann 1991 mit dem Text „Babyficker“ einen Skandal auslöste.

Sichtbarkeit wichtiger als Preise

Für Schubert ist Klagenfurt bis heute ein bedeutender Treffpunkt für neue literarische Stimmen. Auch Uzun sieht das so. Die jüngste Teilnehmerin des diesjährigen Wettbewerbs hofft vor allem darauf, Verlage und Leserinnen sowie Leser auf sich aufmerksam zu machen.

Sie gehe ohne großen Druck in den Wettbewerb. Zu verlieren habe sie nichts, sagt Uzun. Im Vordergrund stehe für sie nicht eine Auszeichnung, sondern vor allem die Chance auf Sichtbarkeit.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen