Viele Straftaten gegen ältere, hilfsbedürftige Menschen bleiben nach Einschätzung der Opferschutzorganisation Weißer Ring in Deutschland unentdeckt. Dabei gehe es unter anderem um Gewalt in der Pflege, missbräuchlich erlangte Vorsorgevollmachten oder die Veruntreuung von Vermögen.
Der Ehrenvorsitzende des Weißen Rings, Patrick Liesching, sagte der dpa in Mainz, dass viele Betroffene an Demenz litten. Wenn ausgerechnet Betreuer oder Vorsorgebevollmächtigte als mögliche Täter infrage kämen, fehle oft die nötige Transparenz. Auch Betreuungsbehörden hätten nicht immer ausreichenden Einblick. Deshalb gehe man davon aus, dass sich hier ein großes, weitgehend verborgenes Kriminalitätsfeld auftue.
Die Bundesvorsitzende des Weißen Rings, Barbara Richstein, verwies auf einen Fall aus Brandenburg. Eine 91-jährige Frau habe berichtet, im Krankenhaus vergewaltigt worden zu sein. Zunächst sei ihren Angaben nur wenig Glauben geschenkt worden, später hätten jedoch Spuren gesichert werden können. Der Fall zeige, wie wichtig es sei, Hinweise von Opfern ernst zu nehmen und genau hinzusehen.
Auch die Berliner Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) sieht besonders in der finanziellen Ausbeutung eine zentrale Form von Gewalt gegen ältere Menschen. Diese könne schwerwiegende gesundheitliche, soziale und wirtschaftliche Folgen für die Betroffenen und ihre Familien haben. Gleichzeitig fehle es bislang an belastbaren Daten. Ermittlungsbehörden verweisen zudem darauf, dass solche Taten oft nur schwer aufzuklären seien.

Warnung vor pauschaler Kritik an Betreuern
Harald Freter, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Berufsbetreuer*innen, bestätigte, dass es entsprechende Kriminalitätsfälle gebe. Er warnte jedoch davor, Berufsbetreuer generell unter Verdacht zu stellen. Straftaten seien klar die Ausnahme. Dennoch entstehe dort ein mögliches Risiko, wo Menschen ihre persönlichen und finanziellen Angelegenheiten nicht mehr selbst regeln könnten.
Weißer Ring beklagt mangelnde Aufmerksamkeit
Liesching kritisierte, dass bei besonders verletzlichen und wenig wehrhaften älteren Menschen oft zu wenig hingeschaut werde. Aus seiner Sicht fehlt in Deutschland noch immer das nötige Bewusstsein dafür, wie anfällig dieser Bereich für Kriminalität ist.
Nach seinen Angaben hatte die Stiftung des Weißen Rings bereits ein kriminologisches Projekt zu dem Thema angestoßen. Geeignete Forschungsansätze zu entwickeln, sei jedoch schwierig. Ein Grund sei, dass es kaum Beteiligte gebe, die für Befragungen ausreichend auskunftsfähig oder -bereit seien. Entsprechend schwer sei es, die tatsächliche Lage statistisch verlässlich abzubilden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber