Nur wenige Minuten nach dem Start trennen sich ihre Wege: Bundeskanzler Friedrich Merz und Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva absolvieren ihren Rundgang über die Hannover Messe nicht wie üblich gemeinsam. Ausgerechnet bei einem Termin, der normalerweise demonstrative Geschlossenheit zeigen soll, bleibt Lula bei brasilianischen Ausstellern, während Merz weiterzieht und sich unter anderem Robotik und neue Technologien ansieht.
Damit ist der gemeinsame Auftritt praktisch beendet, noch bevor er richtig begonnen hat. Der ungewöhnliche Ablauf sorgt bei Polizei und Messe für Verwunderung. Nach Angaben aus dem Umfeld habe man so etwas dort noch nicht erlebt.
Für eine weitere kuriose Szene sorgt kurz darauf ein Versprecher am Stand von Phoenix Contact. Geschäftsführer Dirk Görlitzer begrüßt den Kanzler mit den Worten: „Willkommen, Herr Merkel, äh Herr Bundeskanzler Merz.“
Einigkeit beim Thema Weltordnung und Freihandel
Zunächst präsentieren sich Merz und Lula jedoch geschlossen. Am Stand des diesjährigen Partnerlandes Brasilien hebt der Kanzler die Bedeutung des Freihandelsabkommens zwischen der Europäischen Union und den Mercosur-Staaten hervor. Dieses sei eine Antwort auf die aktuellen internationalen Spannungen, sagt Merz. Die Vereinbarung, mit der eine Freihandelszone von mehr als 700 Millionen Menschen entstehen soll, soll am 1. Mai vorläufig in Kraft treten.
Auch Lula wirbt für engere Beziehungen zwischen Europa und Lateinamerika. Die Zusammenarbeit müsse produktiver, wirksamer und besser werden, betont er. Wie Merz verteidigt auch der brasilianische Präsident eine internationale Ordnung, die auf Regeln und Institutionen beruht. „Die Welt kann nicht mit Lügen regiert werden“, sagt Lula.
Handel soll deutlich wachsen
Im weiteren Verlauf des Tages steht die wirtschaftspolitische Zusammenarbeit im Mittelpunkt. Bei den deutsch-brasilianischen Wirtschaftstagen fordert Merz einen kräftigen Ausbau der Handelsbeziehungen. Das bilaterale Handelsvolumen solle sich in den kommenden Jahren verdoppeln.
Nach Angaben des Kanzlers lag der Handel zwischen Deutschland und Brasilien 2024 bei mehr als 20 Milliarden Euro. Für zwei Volkswirtschaften dieser Größe sei das klar zu wenig. Das Mercosur-Abkommen solle dabei helfen, diese Lücke zu schließen.
Merz bezeichnet Brasilien in einer zunehmend schwierigen Weltlage als Schlüsselpartner. Beide Staaten hätten ein gemeinsames Interesse an verlässlichen und regelgebundenen Beziehungen.
Rohstoffe und Technologie als gemeinsame Interessen
Zusätzlich rücken Rohstoffe stärker in den Fokus. Brasilien verfüge über großes Potenzial bei seltenen Erden, sagt Merz. Er sieht zudem erhebliche Chancen beim Abbau von Metallen, die für Elektromobilität und Windkraft gebraucht werden. Deutschland sei bereit, Brasilien mit technischem Wissen und Expertise zu unterstützen, um die Kooperation in diesem Bereich auszubauen.
Merz fordert mehr europäisches Selbstbewusstsein
Bei einem weiteren Auftritt unterstreicht der Kanzler die wirtschaftliche Stärke Europas. Die Europäische Union habe 450 Millionen Konsumenten und damit deutlich mehr als die USA. Europa müsse dieses Gewicht auch selbstbewusster vertreten, fordert Merz. Es gebe keinen Grund, sich zu verstecken.
Deutschland müsse dabei innerhalb der EU eine führende Rolle übernehmen, als „Zugpferd“ und „Lokomotive“. Zugleich kündigt Merz an, sich in Brüssel für bessere Bedingungen für Unternehmen einzusetzen. Falls nötig, wolle er dort auch offen Konflikte austragen, um über den künftigen Kurs der Europäischen Union zu streiten.
Industrie warnt vor anhaltender Belastung
Von den Industrieverbänden bekommt der Kanzler auf der Messe allerdings deutliche Kritik zu hören. ZVEI-Präsident Gunther Kegel fordert, den Reformstau endlich zu beenden. Bertram Kawlath vom VDMA erklärt, die Belastungsgrenze der Unternehmen sei erreicht.
Der Bundesverband der Deutschen Industrie korrigiert unterdessen wegen des Iran-Kriegs seine Erwartungen für 2026 und rechnet bestenfalls noch mit einer stagnierenden Industrieproduktion. BDI-Präsident Peter Leibinger sagt, der Konflikt verschiebe eine wirtschaftliche Erholung deutlich nach hinten, vermutlich sogar eher Richtung 2027. Die Lage im Nahen Osten sei jedoch nicht die eigentliche Ursache der Probleme, sondern verschärfe sie nur. Die Gründe lägen vor allem in Deutschland selbst.
Zwar könnten die hohen staatlichen Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung die Nachfrage stützen. Für einen spürbaren Aufschwung reiche das allein aber nicht aus, so Leibinger. Der Druck auf die Industrie bleibe hoch und nehme weiter zu.
Hannover Messe mit Fokus auf KI, Robotik und erstmals Rüstung
Noch bis Freitag präsentieren mehr als 3.000 Aussteller aus Maschinenbau, Elektro- und Digitalindustrie sowie der Energiewirtschaft auf dem Messegelände ihre Neuheiten. Im Mittelpunkt stehen in diesem Jahr Künstliche Intelligenz in der Produktion, Automatisierung und Robotik. Erstmals ist auch der Bereich Rüstung mit einem eigenen Themenschwerpunkt vertreten. Im vergangenen Jahr besuchten 127.000 Menschen die weltweit wichtigste Industriemesse.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion