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Tödliche Vergiftung in Istanbul: Prozess nach Familien-Tragödie beginnt

Giftiges Gas im Hotel, verzögerte Hilfe und fehlende Genehmigungen - sechs Angeklagte stehen nach dem Tod einer Hamburger Familie in Istanbul vor Gericht. Was über die Hintergründe bekannt ist.

19.04.2026, 06:00 Uhr

Im November nahm der Urlaub einer Familie aus Hamburg in Istanbul ein tödliches Ende. Beide Eltern und ihre zwei kleinen Kinder starben infolge einer Vergiftung. Jetzt muss ein Gericht in der Türkei klären, wer dafür verantwortlich ist.

Wie kam es zu dem Unglück?

Nach einem normalen Tag mit Besichtigungen klagte die Familie über Übelkeit und Erbrechen und suchte ein Krankenhaus auf. Zunächst wurde sie wieder entlassen. Noch am selben Tag verschlechterte sich ihr Zustand jedoch so stark, dass sie erneut in eine Klinik gebracht werden musste.

Dort starben zuerst die 27 Jahre alte Mutter sowie die beiden Kinder im Alter von drei und fünf Jahren. Der 38-jährige Vater erlag einige Tage später auf der Intensivstation ebenfalls den Folgen der Vergiftung.

Anfangs gingen Ärzte und Ermittler von einer Lebensmittelvergiftung aus, möglicherweise durch Straßenessen. Erst als zwei weitere Touristen mit ähnlichen Symptomen eingeliefert wurden, rückte das Hotel der Familie in den Mittelpunkt der Untersuchungen.

Später kam ein Gutachten zu dem Ergebnis, dass ein im Hotel eingesetztes Mittel zur Schädlingsbekämpfung die Todesursache war. Laut rechtsmedizinischem Bericht wurde im Zimmer der Familie das giftige Gas Phosphin nachgewiesen. Auch in Hotelhandtüchern sollen Spuren davon gefunden worden sein.

Warum ist Phosphin so gefährlich?

Phosphin kann entstehen, wenn Aluminiumphosphid mit Feuchtigkeit in Kontakt kommt. Schon normale Luftfeuchtigkeit reicht dafür aus. Der Stoff wird zur Schädlingsbekämpfung verwendet und ist als graues Pulver bekannt, das einen fischigen oder stark knoblauchartigen Geruch haben kann.

Das entstehende Gas greift Körperzellen an und kann bei höherer Konzentration den Sauerstofftransport im Blut stören. Mögliche Folgen sind unter anderem Hustenreiz, Erbrechen sowie Schäden an Leber und Nieren. Beim Einatmen kann Phosphin lebensgefährlich sein.

In Deutschland darf Aluminiumphosphid nur unter strengen Regeln eingesetzt werden, etwa gegen Vorratsschädlinge in Silos. Fachleute halten seinen Einsatz gegen Bettwanzen für falsch und hochgefährlich. Auch in der Türkei gelten für die Verwendung des Mittels strenge Vorgaben.

Wer muss sich vor Gericht verantworten?

Seit Dienstag stehen in Istanbul sechs Menschen vor Gericht. Unter den Angeklagten sind der Hotelbesitzer und der Inhaber der Schädlingsbekämpfungsfirma. Ihnen wird laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu bewusste fahrlässige Tötung vorgeworfen.

Die Staatsanwaltschaft fordert demnach Freiheitsstrafen von zwei Jahren und acht Monaten bis hin zu mehr als 22 Jahren. Für einen Hotelmitarbeiter werden bis zu 15 Jahre Haft verlangt.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur DHA listet die Anklage mehrere mögliche Versäumnisse auf. So soll die Firma, die die Schädlingsbekämpfung durchgeführt hatte, nicht über die nötige Genehmigung verfügt haben.

Außerdem wird einem Hotelangestellten vorgeworfen, Hilfe verzögert zu haben. Demnach sei der Haupteingang verschlossen gewesen, sodass die schwer kranke Familie rund sieben Minuten warten musste, bis der Rezeptionist zurückkehrte und die Tür öffnete.

Türkische Medien veröffentlichten Aufnahmen von Überwachungskameras, die den Vorfall zeigen sollen. Darauf ist laut Berichten der Vater zu sehen, wie er mit einem Kind auf dem Arm verzweifelt an der Tür rüttelt und versucht, sie aufzubrechen, während draußen bereits ein Rettungswagen wartet.

Wer waren die Opfer?

Die Eltern waren deutsche Staatsbürger mit Wurzeln in der Türkei. Sie lebten mit ihrer Tochter und ihrem Sohn in Hamburg. Nach Angaben ihres Anwalts Yasar Balci, der die Familie gut kannte, arbeitete der Vater am Hamburger Flughafen.

Die Reise nach Istanbul soll ein Geschenk des Mannes an seine Frau gewesen sein. Balci beschrieb die Familie als bescheiden und hilfsbereit. Der kleine Sohn sei Anhänger des türkischen Fußballvereins Galatasaray gewesen. Beigesetzt wurden die vier in der westtürkischen Provinz Afyonkarahisar.

War es ein Einzelfall?

Möglicherweise nicht. In einem weiteren Fall gibt es einen ähnlichen Verdacht: Der Tod einer deutschen Erasmus-Studentin im November 2024 war zunächst ebenfalls mit einer Lebensmittelvergiftung erklärt worden.

Ein forensischer Bericht, der im August veröffentlicht wurde, kommt laut ihrem Anwalt jedoch zu dem Schluss, dass die 21-Jährige vermutlich durch Pestizide gegen Bettwanzen vergiftet wurde. Dem Bericht zufolge war das Mittel im ersten Stock eines Gebäudes eingesetzt worden, verwandelte sich in Gas und breitete sich anschließend im ganzen Haus aus. Die Studentin wohnte im zweiten Stock.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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