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Was, wenn es stimmt? Trump und die großen Mythen

War das Attentat in Washington wirklich nur, was es zu sein scheint? Auch wenn die Antwort eindeutig „Nein“ lautet, lässt eine andere Möglichkeit viele nicht los: der Reiz der Verschwörung. Doch warum zieht uns genau dieser Gedanke so in den Bann?

29.04.2026, 04:00 Uhr

Ein Maskierter sitzt in einem abgedunkelten Raum vor einer Kamera und wiederholt immer wieder denselben Namen: Cole Allen. Mit ruhiger Stimme reiht er vermeintliche Fakten und angebliche Verbindungen aneinander. Eine klare Schlussfolgerung spricht er nicht aus — sie soll sich aus dem kurzen Instagram-Clip von selbst ergeben. Die Botschaft: Hinter den Schüssen beim Korrespondentendinner in Washington stecke angeblich weit mehr, als öffentlich bekannt sei. Damit kursiert im Umfeld von US-Präsident Donald Trump bereits die nächste Verschwörungserzählung.

Ähnliche Videos mit leicht veränderten Versionen derselben Geschichte verbreiten sich seit Tagen massenhaft in sozialen Netzwerken. Mal treten die Erzähler selbst vor die Kamera, häufig Männer, mal übernimmt eine künstlich erzeugte Stimme. Als angeblicher Beleg dient unter anderem ein mehr als drei Jahre alter Beitrag auf X, in dem lediglich der Name des Schützen, Cole Allen, auftaucht. Für Menschen, die an verborgene Zusammenhänge glauben wollen, wirkt das wie ein weiteres Indiz.

Der Mainzer Psychologe Roland Imhoff erklärt dieses Muster mit einer tief verankerten menschlichen Neigung. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sagte er, Verschwörungserzählungen sprächen unsere Intuition an, hinter Ereignissen Absicht, Muster und Planung zu vermuten. Diese "überaktive Zuschreibung von Handlungsmacht" helfe zwar dabei, das soziale Umfeld zu deuten, vermittle aber zugleich das Gefühl, die Welt sei kontrollierbar.

Die Theorie vom inszenierten Angriff

Imhoff vergleicht solche Erzählungen mit klassischen Dramaturgien aus Tragödien oder Hollywood-Filmen: Es gibt Bösewichte mit dunklen Plänen, die für das Elend verantwortlich gemacht werden, und Helden, die ihnen entgegentreten. Auch die britische Psychologin Karen Douglas von der University of Kent betont, dass grundsätzlich jeder unter bestimmten Umständen empfänglich für Verschwörungstheorien sein könne.

Die derzeit wohl am häufigsten verbreitete Version ist schnell umrissen: Der Angriff des Einzeltäters, der bewaffnet in den Ballsaal eindringen wollte, sei angeblich gestellt gewesen. Teilweise wird dabei sogar ein Bezug zu Israel konstruiert. Unter Trumps Gegnern, die solche Erzählungen verbreiten, heißt es, der Präsident wolle damit von seiner aus ihrer Sicht gescheiterten Politik — auch in Kriegsfragen — ablenken und zugleich seine Umfragewerte verbessern. Mit Blick auf die Midterms zum Jahresende sei der politische Druck hoch.

Das auf Desinformation spezialisierte US-Unternehmen Newsguard registrierte kurz nach dem Vorfall allein auf X rund 80 Millionen Aufrufe von Beiträgen, die dieses Narrativ eines "inszenierten Anschlags" verbreiteten. Das Tempo überraschte selbst Trump. Dem Sender CBS sagte er, normalerweise dauere es länger, bis solche Behauptungen aufkämen — meist zwei oder drei Monate.

Warum soziale Medien die Dynamik verschärfen

Imhoff sieht in der Geschwindigkeit der Verbreitung ein ernstes Problem. Wenn Verschwörungserzählungen noch vor gesicherten Nachrichten zu einem Ereignis auftauchten, nähmen sie die privilegierte Rolle der ersten Information ein. Was Menschen zuerst hören, bleibe oft besonders gut im Gedächtnis und präge auch, wie spätere Informationen eingeordnet werden.

An den Spekulationen rund um den Schützen beteiligen sich auch Trump-Anhänger. Sie verweisen nun auf politische Gegner und behaupten, diese wollten dem Präsidenten mit erfundenen Geschichten gezielt schaden. So stützt eine Verschwörungserzählung die nächste, Vorwürfe spiegeln sich endlos. Für Trump ist das kein neues Phänomen — solche Narrative stehen selten isoliert nebeneinander.

Kaum einzudämmen, sobald sie einmal kursieren

Schon nach dem Attentat auf den damaligen Präsidentschaftsbewerber Trump im Juli 2024, als er sich mit blutendem Ohr als starke Führungsfigur inszenierte, verbreiteten sich unzählige Spekulationen. Inzwischen werden sogar Verbindungen zwischen diesem Fall und dem Schützen von Washington konstruiert.

Auch nach dem tödlichen Anschlag auf Trumps Unterstützer Charlie Kirk im September 2025 entstanden neue Verschwörungserzählungen. Und nicht nur Schusswaffen liefern Stoff für solche Behauptungen: Ebenso wird über die Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro spekuliert, genauso wie über den Skandal um den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein, der immer neue Mutmaßungen auslöst.

Douglas betont, in sozialen Medien sei es besonders einfach, auf Verschwörungstheorien zu stoßen und sie weiterzuverbreiten. Wer sich dafür interessiere, finde entsprechende Inhalte nahezu sofort. Sind solche Theorien erst einmal im Umlauf, ließen sie sich nur schwer zurückdrängen — vor allem dann, wenn noch nicht alle Fakten bekannt seien.

Begünstigt wird diese Entwicklung auch durch das teils ungewöhnliche politische und personelle Umfeld des US-Präsidenten sowie durch Trumps eigenen Kommunikationsstil. Er selbst hat immer wieder extreme oder unbelegte Behauptungen verbreitet, etwa zum Klimawandel oder zu den Regierungen seiner Vorgänger Barack Obama und Joe Biden.

Imhoff sagt, Trump mobilisiere seine Anhänger vor allem durch Polarisierung und die Dämonisierung politischer Gegner. Experten warnen deshalb vor den möglichen Folgen. Nach Einschätzung von Douglas können Verschwörungserzählungen Menschen von etablierter Politik und Wissenschaft entfremden und sie radikaleren politischen Positionen oder wissenschaftsfeindlichen Haltungen näherbringen. Was auf manche unterhaltsam oder harmlos wirken mag, kann in Wahrheit erhebliche Risiken bergen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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