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Umfrage: Viele Deutsche bewerten den Atomausstieg skeptisch

Mehr als die Hälfte hält den Atomausstieg vor drei Jahren für einen Fehler. Trotzdem will nur eine Minderheit die Kernkraft zurück.

21.04.2026, 08:37 Uhr

Rund drei Jahre nach dem Abschalten der letzten deutschen Atomkraftwerke fällt die Bilanz vieler Bürgerinnen und Bürger kritisch aus. In einer repräsentativen Erhebung von YouGov und dem Sinus-Institut halten 53 Prozent das Ende der Kernenergie in Deutschland für falsch. 40 Prozent begrüßen den Schritt. 32 Prozent gehen sogar so weit, den Ausstieg als vollkommen falsch zu bezeichnen. Die Ergebnisse liegen der Deutschen Presse-Agentur vor.

Letzte Reaktoren gingen im April 2023 vom Netz

Deutschland beendete Mitte April 2023 endgültig die Nutzung der Atomkraft. Damals wurden die letzten drei verbliebenen Kernkraftwerke abgeschaltet. Zuvor hatte die Bundesregierung wegen der Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine entschieden, die Laufzeiten noch um einige Monate zu verlängern.

Eigentlich war das Ende der Kernenergie bereits für den 31. Dezember 2022 vorgesehen. Der schrittweise Ausstieg war 2011 von der damaligen Bundesregierung unter Angela Merkel nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima beschlossen worden.

Erneuerbare Energien genießen breiten Rückhalt

Wer den Atomausstieg kritisch sieht, setzt nicht automatisch auf eine Rückkehr zur Kernkraft. Auf die Frage, welche Formen der Stromerzeugung Deutschland künftig nutzen sollte, nannten 39 Prozent die Kernenergie. Damit liegt sie klar hinter den erneuerbaren Energien:

  • Solarenergie: 62 Prozent
  • Windkraft: 60 Prozent
  • Wasserkraft: 50 Prozent
  • Biomasse/Biogas: 35 Prozent

Deutlich weniger Zuspruch erhalten fossile Energieträger. Erdgas kommt auf 21 Prozent, Kohle und Öl jeweils nur auf 9 Prozent.

Sorge vor einem schweren Atomunfall ist eher gering

Die Gefahr eines größeren Reaktorunglücks in Europa beschäftigt viele Befragte offenbar nur begrenzt. 52 Prozent sagen, sie hätten eher geringe Sorgen, 18 Prozent machen sich gar keine Sorgen. Nur wenige haben nach eigenen Angaben Vorsorge getroffen, etwa durch Lebensmittelreserven oder Jodtabletten. Lediglich 15 Prozent stimmten einer entsprechenden Aussage ganz oder teilweise zu.

Auch beim Wissen über den Ernstfall gibt es Lücken: Nur etwa jeder Vierte hat sich laut Umfrage informiert, wie man sich bei einer Atomkatastrophe verhalten sollte. Dass Deutschland auf einen solchen Fall gut vorbereitet wäre, glauben nur 14 Prozent.

Für die Befragung wurden vom 13. bis 16. März insgesamt 1.944 Menschen online interviewt. Nach Angaben der Institute ist die Umfrage repräsentativ.

Tschernobyl bleibt tief im Gedächtnis

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist auch vier Jahrzehnte später fast allen in Deutschland bekannt. 93 Prozent haben von dem Unglück gehört, knapp die Hälfte sagt sogar, sie könne genau schildern, was damals passiert sei.

Der Unfall ereignete sich in der Nacht zum 26. April 1986 im damaligen sowjetischen, heute ukrainischen Tschernobyl. Während eines Sicherheitstests explodierte Block 4 des Kraftwerks. In der Folge wurde ein Sperrgebiet im Umkreis von rund 30 Kilometern eingerichtet.

Bei der Katastrophe gelangte radioaktives Material in großer Menge in die Atmosphäre. Die radioaktive Wolke zog auch über weite Teile Westeuropas. Bis heute sind manche Böden durch radioaktive Stoffe wie Cäsium-137 belastet. Diese Strahlung kann Krebs und weitere Erkrankungen verursachen.

Nach eigener Einschätzung hat Tschernobyl die Einstellung zur Atomkraft bei 42 Prozent der Befragten stark oder zumindest eher verändert. 53 Prozent sagen dagegen, das Ereignis habe ihre Haltung eher nicht oder gar nicht beeinflusst.

Atomkraft sorgt auch in der Koalition für Streit

Auch politisch ist das Thema erneut umstritten. In der schwarz-roten Koalition war zuletzt eine Debatte über die Atomenergie aufgekommen. Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) zeigte sich offen für Gespräche über eine mögliche Wiederinbetriebnahme deutscher Kernkraftwerke.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hält eine Rückkehr zur Atomkraft allerdings nicht für einen kurzfristigen Weg zu einer besseren und günstigeren Energieversorgung. Widerspruch kam zudem vom Koalitionspartner SPD. Umweltminister Carsten Schneider verwies auf das weiterhin ungelöste Problem der Endlagerung von Atommüll.

Die Umfrage wurde allerdings bereits vor Beginn dieser jüngsten politischen Debatte durchgeführt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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