Schneider eröffnet Klimadialog mit Appell für schnellere Energiewende
Bundesumweltminister Carsten Schneider hat den 17. Petersberger Klimadialog in Berlin mit einem eindringlichen Appell für einen schnelleren weltweiten Umstieg auf erneuerbare Energien eröffnet. Die Abhängigkeit von Öl, Gas und Kohle sei ein kaum kalkulierbares Risiko – auch für Deutschland, sagte der SPD-Politiker. Erneuerbare Energien seien dagegen eine Form von „Sicherheitsenergie“.
Schon vor dem Berliner Konferenzzentrum am Westhafen setzten Greenpeace-Aktivisten in Kajaks ein Zeichen. Auf dem Wasser forderten sie mit Bannern: „Befreit euch von fossilen Energien“. Im Inneren der Konferenz klang die Botschaft ähnlich deutlich.
Der Klimadialog fällt in eine Zeit steigender Unsicherheit auf den Energiemärkten. Hintergrund ist die weltweite Energiepreiskrise infolge des Iran-Kriegs. Schneider argumentierte deshalb, Klimapolitik sei nicht nur eine Antwort auf die Erderwärmung, sondern auch auf wirtschaftliche und geopolitische Risiken. „Die Klimapolitik liefert die Lösungen, damit die nächste fossile Energiekrise weniger weh tut“, sagte er. Mit erneuerbaren Energien, Elektromobilität und Wärmepumpen gebe es längst wirksame Gegenmittel. Die aktuelle Krise der fossilen Energien könne deshalb sogar zum Beschleuniger der Energiewende werden.
Erneuerbare als Antwort auf Klima- und Energiekrisen
Schneider betonte, dass erneuerbare Energien der wichtigste Hebel im Kampf gegen die Erderwärmung seien. Die Energiewende sei bereits weit vorangekommen und nicht mehr aufzuhalten. Dennoch müsse das Tempo deutlich steigen, weil sich der Planet weiter erhitze.
Auch UN-Klimachef Simon Stiell sieht in entschlossenem Klimaschutz einen Ausweg aus Klima-, Energie- und Wirtschaftskrisen. Die Zusammenarbeit für das Klima sei der Schlüssel, um gleich zwei Gefahren zu begrenzen: die globale Erwärmung und das durch fossile Energien ausgelöste Kostenchaos. Saubere Energie sorge für Sicherheit, Bezahlbarkeit und mehr Souveränität für Staaten. Wie Schneider bezeichnete auch Stiell die Wende hin zu sauberer Energie als unumkehrbar.
Irena meldet Rekordausbau beim Ökostrom
Passend zu dieser Debatte hat die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien (Irena) neue Rekordzahlen für den weltweiten Ausbau vorgelegt. Demnach wurden 2025 weltweit 692 Gigawatt neue Ökostrom-Kapazität installiert – ein Zuwachs von 15,5 Prozent. Damit stieg die insgesamt installierte Leistung auf 5.149 Gigawatt.
Irena-Chef Francesco La Camera erklärte, inzwischen basiere die Hälfte der weltweit installierten Stromkapazität auf erneuerbaren Energien. Rund drei Viertel der neu hinzugekommenen Kapazität entfielen auf Solarenergie, mit großem Abstand gefolgt von Windkraft. Zugleich seien die Preise für erneuerbare Technologien stark gesunken. Regional liege Asien mit 2.891 Gigawatt vorn, Europa folge mit 934 Gigawatt.
Zustimmung zum Klimaschutz – trotz politischem Gegenwind
Schneider sagte, der politische Druck gegen Klimapolitik sei vielerorts deutlich spürbar und werde häufig von anderen Krisen überlagert. Zugleich wollten viele Menschen Fortschritte beim Klimaschutz sehen. Er verwies auf eine Umfrage, nach der in Deutschland 70 Prozent es richtig finden, das Land bis 2045 klimaneutral zu machen. Dass Gegner der Klimapolitik oft lauter aufträten, bedeute nicht, dass sie die Mehrheit stellten.
In einer Videobotschaft wandte sich auch UN-Generalsekretär António Guterres an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Er rief dazu auf, beim Senken der Treibhausgasemissionen und bei der Finanzierung des internationalen Klimaschutzes nicht nachzulassen. Die Staaten stünden vor der Wahl, Fehler der Vergangenheit zu wiederholen oder eine „Revolution der Erneuerbaren“ entschlossen voranzutreiben – im Interesse von Klimastabilität, Energiesicherheit und einer lebenswerten Zukunft.
Treffen in Berlin bereitet COP31 in Antalya vor
Der Petersberger Klimadialog findet seit 2010 als deutsches Ergänzungsformat zu den UN-Klimakonferenzen statt. Ursprünglich wurde er auf dem Petersberg bei Bonn ausgerichtet, inzwischen aber regelmäßig in Berlin. Die diesjährige Konferenz dauert zwei Tage. Erwartet werden rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darunter auch Vertreter aus der Wirtschaft; vertreten sind etwa 30 Staaten.
Im Mittelpunkt der Beratungen stehen der Umbau der Energieversorgung, die Abkehr von Öl, Kohle und Gas, die Anpassung an den Klimawandel sowie die Finanzierung dieser Aufgaben. Damit bereitet das Treffen auch die nächste Weltklimakonferenz im November im türkischen Antalya vor.
Türkei und Australien mahnen zu mehr Verbindlichkeit
Bei der Eröffnung sprachen neben Schneider auch der türkische Umweltminister Murat Kurum und sein australischer Kollege Chris Bowen. Beide bereiten gemeinsam die nächste Weltklimakonferenz vor, bei der die Türkei die Präsidentschaft der COP31 übernehmen wird.
Kurum appellierte an die Staaten, ihre fälligen Meldungen für nationale Klimaziele einzureichen. Nach seinen Angaben fehlen diese Zusagen noch von 43 Staaten. Zugleich mahnte er, dass Geberländer ihre Finanzierungszusagen für den globalen Klimaschutz einhalten und bestehende Fonds wieder auffüllen müssten. Trotz geschwächter multilateraler Zusammenarbeit sei der internationale Klimaprozess nicht beendet.
Stiell drängt auf konkrete Schritte
Stiell machte deutlich, dass allgemeine Klimaziele allein nicht ausreichen. Vereinbarungen müssten in konkrete, erreichbare Etappen übersetzt und anschließend umgesetzt werden. Bis zur Weltklimakonferenz COP33 im Jahr 2028 müsse sichtbar sein, dass die 2023 gegebenen Zusagen tatsächlich eingelöst werden.
Als zentrale Hebel nannte er einen schnelleren Netzausbau, eine stärkere Verringerung des besonders klimaschädlichen Methans sowie eine widerstandsfähige Versorgung mit klimaresistenten Lebensmitteln bei gleichzeitig weniger Verschwendung. Weniger Food Waste könnte die weltweiten Emissionen deutlich senken.
Internationale Klimapolitik kommt weiter nur langsam voran
Der weltweite Klimaschutz kommt seit längerem nur schleppend voran. Das gilt nicht erst seit dem erneuten Austritt der USA unter Präsident Donald Trump Anfang seiner zweiten Amtszeit 2025 aus dem Pariser Klimaabkommen. Fachleute halten die bislang zugesagten Maßnahmen weiterhin für unzureichend, um die Erhitzung der Erde möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen.
Auch die Klimakonferenz im brasilianischen Belém im November 2025 brachte keinen konkreten Plan für den Ausstieg aus fossilen Energieträgern. Offen ist zudem, ob eine für kommende Woche geplante Konferenz im kolumbianischen Santa Rosa beim Abschied von fossilen Brennstoffen entscheidend vorankommt. Schneider will in Berlin deshalb besonders für Elektrifizierung werben – etwa durch einen stärkeren Einsatz von Wärmepumpen und Elektrofahrzeugen.
Energiewende in Deutschland unter Druck
Deutschland will seine Treibhausgasemissionen bis 2030 um 65 Prozent gegenüber 1990 senken und bis 2045 klimaneutral werden. Weil das Land bei diesen Zielen nicht vollständig auf Kurs ist, hat Schneider zuletzt ein neues Klimaschutzprogramm vorgelegt.
Innerhalb der Bundesregierung gibt es allerdings Streit über Tempo und Förderung beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hält zwar an den Klima- und Ausbauzielen fest, will aber die Förderung kleiner Solaranlagen sowie Entschädigungen für nicht genutzten Ökostrom verringern. Umweltverbände warnen vor einer Bremswirkung für die Energiewende.
Umweltverbände fordern klare Signale
Aus Sicht von Klimaschützern ist jetzt der Zeitpunkt für konkrete Entscheidungen gekommen. Susann Scherbarth vom BUND betonte, beim Ausstieg aus fossilen Energien gehe es längst nicht mehr um das Ob, sondern um das Tempo und die soziale Gerechtigkeit. Deutschland müsse dafür sorgen, dass vom Petersberger Klimadialog ein klares Signal für verbindliche und international abgestimmte Fahrpläne ausgehe.
Auch Germanwatch sieht das Treffen unter besonderem Druck. Kurz nach der Berliner Konferenz folgt ein weiteres internationales Treffen zum Abschied von fossilen Brennstoffen. Greenpeace-Experte Martin Kaiser forderte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) auf, Deutschland eine neue strategische Führungsrolle zu geben. Sicherheit und wirtschaftliche Stärke ließen sich langfristig nur sichern, wenn Europa seine Abhängigkeit von Öl und Gas entschlossen verringere.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion