Der erste vollständige Jahrgang des neunjährigen Gymnasiums in Bayern beginnt am Mittwoch mit den Abiturprüfungen. Für etwa 29.000 Schülerinnen und Schüler startet damit die entscheidende Etappe auf dem Weg zum Schulabschluss. Im Vorjahr hatten lediglich rund 5.900 Jugendliche ihr Abitur abgelegt, da der Jahrgang wegen der Umstellung vom G8 auf das G9 nahezu ausgefallen war. Nur einzelne Gruppen wie Wiederholer, besonders schnelle Schülerinnen und Schüler sowie Absolventen der Mittelstufe plus oder von Einführungsklassen traten 2025 an speziellen Auffangnetzschulen zur Prüfung an.
Abitur wieder regulär an allen Gymnasien
In diesem Jahr kann das Abitur wieder wie üblich an allen öffentlichen und staatlich anerkannten Gymnasien sowie an Kollegs und Abendgymnasien abgelegt werden. Unverändert bleibt die Struktur mit fünf Prüfungsfächern: drei schriftliche und zwei mündliche Prüfungen. Neu ist jedoch, dass die Abiturientinnen und Abiturienten im G9 bei der Wahl ihrer Fächer mehr Spielraum haben als die letzten G8-Jahrgänge.
Kultusministerin Anna Stolz sieht darin einen großen Vorteil der neuen Oberstufe. Nach ihren Worten können die Jugendlichen stärker nach eigenen Interessen und Begabungen Schwerpunkte setzen.
Rückkehr zum Abitur nach der 13. Klasse
Dass Bayerns Schülerinnen und Schüler ihr Abitur nach der 13. Jahrgangsstufe ablegen, ist allerdings nicht völlig neu. Erst im Schuljahr 2004/05 war das damalige G9 durch das achtjährige Gymnasium ersetzt worden. Die Reform sorgte jedoch über Jahre für Diskussionen. Mit dem Pilotprojekt "Mittelstufe plus" begann 2014 schrittweise die Abkehr vom G8. 2017 fiel schließlich die Entscheidung, zum Schuljahr 2018/19 wieder flächendeckend auf das G9 umzusteigen.
Die Rückkehr wurde von weiteren Bildungsreformen begleitet und sollte den Jugendlichen sowohl zeitlich als auch inhaltlich mehr Freiraum verschaffen. Aus Sicht des Kultusministeriums wurde dieses Ziel erreicht. Stolz betonte, die Schülerinnen und Schüler hätten in den neun Jahren nicht nur solides Wissen erworben, sondern auch wichtige Fähigkeiten für die Zukunft entwickelt, darunter selbstständiges Denken, Verantwortungsbewusstsein und die Möglichkeit, ein eigenes Profil auszubilden. Zudem hätten sie von mehr Lernzeit und mehr Raum für ihre persönliche Entwicklung profitiert.
Anspruch bleibt hoch
Trotz der zusätzlichen Lernzeit bleibt das bayerische Abitur anspruchsvoll. Drei der fünf Prüfungen müssen in Fächern mit erhöhtem Anforderungsniveau abgelegt werden. Dazu zählen in der Regel Deutsch und Mathematik sowie ein weiteres Leistungsfach.
Mehr Flexibilität bei der Fächerwahl
Nach Angaben des Kultusministeriums gibt es mehrere Neuerungen. Künftig muss nur noch entweder Deutsch oder Mathematik schriftlich geprüft werden, nicht mehr zwingend beide Fächer. Außerdem können als drittes Leistungsfach nun auch naturwissenschaftliche oder gesellschaftswissenschaftliche Fächer gewählt werden; bislang war dafür eine Fremdsprache vorgesehen. Auch die verpflichtende Fremdsprache im Abitur kann jetzt durch eine Naturwissenschaft ersetzt werden. Ebenso ist es möglich, zwei Fremdsprachen, zwei Naturwissenschaften oder zwei gesellschaftswissenschaftliche Fächer in die Abiturprüfung einzubringen.
Den Auftakt der diesjährigen Prüfungen macht das Fach Biologie. Die schriftlichen Prüfungen laufen vom 22. April bis 13. Mai, die mündlichen Kolloquien folgen vom 18. Mai bis 12. Juni. Die Abiturzeugnisse sollen am 26. Juni überreicht werden, meist im Rahmen von Feiern.
Hochschulen sehen kaum Folgen durch den großen Jahrgang
An den bayerischen Hochschulen wird die deutlich größere Zahl an Abiturientinnen und Abiturienten nach Einschätzung der Universitäten keine größeren Probleme verursachen. Die Technische Universität München erklärte, schon im vergangenen Jahr habe das fast vollständige Ausbleiben eines Abiturjahrgangs kaum Auswirkungen gehabt, weil dies durch Studierende aus anderen Bundesländern und dem Ausland aufgefangen worden sei. Deshalb rechne man nun auch durch den größeren Jahrgang nicht mit spürbaren Veränderungen.
Ähnlich äußern sich auch andere Hochschulen. Die Ludwig-Maximilians-Universität München geht davon aus, dass die Zahl der Erstsemester im kommenden Wintersemester ungefähr das Niveau der Jahre vor 2025 erreichen wird. Auch die Universität Erlangen-Nürnberg erwartet keine wesentlichen Effekte. Dort habe sich besonders in zulassungsbeschränkten Fächern gezeigt, dass der fehlende Abiturjahrgang im vergangenen Jahr kaum bemerkbar gewesen sei. Weder habe es weniger Bewerbungen gegeben, noch sei die Qualität der Bewerberinnen und Bewerber gesunken.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion